Druckschrift 
Bulgarisch-österreichisches Kolloquium Europäische Ethnologie an der Wende : Perspektiven - Aufgaben - Kooperationen ; Referate der 1. Kittseer Herbstgespräche vom 10. bis 12. Oktober 1999 ; anläßlich der Jahresausstellung "Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren - Historische Kalenderbräuche aus Bulgarien" vom 20. Juni bis 1. November 1999 in Schloß Kittsee
Entstehung
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Ethnische, die Idee von der Volksseele, wie ein Lauffeuer unter deneuropäischen Intellektuellen umgegangen. Besonders begierig wur-de die Botschaft bei jenen Völkern aufgenommen, denen staatlicheAutonomie fehlte und die sich deshalb auch das war neu- alsunterdrückt verstanden. Bis heute hat die Volkskunde in diesenLändern eine große symbolische Bedeutung. Sie zeigt sich in derBeobachtung, dass in deren nationalen ethnographischen Institutio-nen Wissenschaftlerstäbe in einer Größenordnung arbeiten, die mananderswo für undenkbar hält. Im Ethnographischen Museum in Bu-dapest etwa sind rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerbeschäftigt. Und wo das Ethnische eine derartige Vehikelfunktionhatte, kann- wie in Finnland oder in Ungarn( zweimal)- auch einVolkskundler Kulturminister werden- was anderswo nur ein blinderZufall zuließe. Ein Musikwissenschaftler als Staatspräsident, wieLandsbergis in Litauen, der eine, singende Revolution" auf die prak-tizierte nationale Folklore gründet, nutzt die alten" Medien auf neueWeise. Auch insofern gelten die Gesetze der Mediengesellschaftbereits avant la lettre.

Ganz klar ist dabei eher das Prinzipielle, jene Tendenz zum ethni-schen Fundamentalismus. Der französische Ministerpräsident, derSozialist Lionel Jospin, kleidete seine Vorbehalte gegen Europa ineine bemerkenswerte Formulierung: Es gäbe, so meinte er dezent,eine gewisse französische Originalität, um dann auszuführen: Wirsollen erst einmal wir selbst sein, bevor wir den Weg der anderenbeschreiten. Wir sind verschieden, und weil wir voll und ganz wirselbst sind nicht nur in Frankreich, sondern auch die französischeLinke und diese Regierung, braucht man uns." 6 Wir sind wir, und diefranzösische Republik wird in diesem Text, der wie die anderenBeispiele eher der Ideenlandschaft des 19. Jahrhunderts angehört,ein anheimelndes Haus der Eigenart. Ethnische Originalität- alsosprachlich auf den gemeinsamen Ursprung verweisendsteht ge-gen die Politik der Verwechselbarkeit der, glatten Gesichter".Der österreichische Historiker Ernst Bruckmüller hat gemeint, dassin keinem Land Westeuropas ein Abbau des nationalen Selbstbe-wußtseins zu beobachten" sei, und daraus gefolgert: Wollten dieÖsterreicher in der EU nicht als, Deutsche' oder als garnichtswahrgenommen werden, werden sie jedenfalls als, Österreicher'auftreten müssen.7 Diese Gefahr besteht kaum noch, die neueRegierung hat das Problem gelöst. Der Generalsekretär der Öster-reichischen UNESCO- Kommission hat kürzlich einen anderen Argu-mentationsweg beschritten, als er Englisch( gegen das Deutsche) als

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6 Eckhard Fuhr: Glatte Gesichter. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.6.1999.7 Ernst Bruckmüller: Nation Österreich. Wien, Graz 1996, S. 398.

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