Druckschrift 
Galizien : ethnographische Erkundung bei den Bojken und Huzulen in den Karpaten ; Begleitbuch zur Jahresausstellung '98 im Ethnographischen Museum Schloß Kittsee vom 6. Juni bis 2. November 1998
Seite
215
Einzelbild herunterladen
 

Ostgalizien:

Land und Leute.ein historischer Überblick

Rudolf A. Mark

Galizien, die heutige Westukraine, gehört zu den interessantestenhistorischen Regionen Europas. Gelegen an der Schnittstelle zwischendem lateinisch- abendländisch Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländisch geprägten Westen und den mit derorientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Welt in vielfacher Berührung stehenden östlichen Teilenunseres Kontinents, war es eine Kontakt- und Diffusionszone seit altersher. In Anlehnung an die Fürstentümer Halitsch/ Galitsch undWolodymyr/ Wladimir, die im 12. und 13. Jahrhundert aus dem ostslawi-schen Reich der Kiewer Rus' hervorgegangen waren, erhielt dieseRegion ihre moderne Bezeichnung, als sie im Zuge der Teilung Polens1772 unter die Herrschaft der Habsburger gekommen war. 1349 und1387 waren jene Fürstentümer dem Königreich Polen eingegliedertworden, wo sie aber ,, Rote Rus" oder, terre Russie" genannt wurden undspäter eine Wojewodschaft Rus' bildeten. Als Rus' oder mit der lateini-schen Form ,, ruteni" bezeichnet wurde die ansässige ostslawisch- ukraini-sche Bevölkerung, über die der polnische Adel herrschte, der mit riesigenLändereien ausgestattet auch die administrative und politische Gewalt inseinen Händen hielt.

Durch die gewaltsame Teilung Polens hatte Österreich eine Provinzhinzugewonnen, die unter der offiziellen Bezeichnung KönigreichGalizien und Lodomerien dem Habsburgerreich eingegliedert und admi-nistrativ nach Wiener Vorgaben reorganisiert wurde. Die polnischenBehörden- und Verwaltungsstrukturen wurden nun durch österreichischeersetzt und die Allmacht der Adelsherrschaft vielfach eingeschränkt. Dasneue Kronland, das auch Kleinpolen mit einschloß, umfaßte ein größe-res Territorium als das einstige Fürstentum Galič. Es reichte von derschlesischen Grenze im Westen bis zum Zbruč im Osten und erstrecktesich auf rund 80.000 km².

215