Ethnographische Forschungenzu den Bojken und Huzulenin der Westukraine
in den letzten zwanzig Jahren
Roman Chmelyk
Die ethnographische Erforschung der Ukrainer in den Karpaten setzte inden ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein. Dabei richtete sichdas Interesse der Völkerkundler, Volksliedsammler, Lehrer und Priesterauf die Besonderheiten in Kultur und Alltagsleben der Bojken, Lemkenund Huzulen, jener ukrainischen Volksgruppen, die die Karpaten besie-delten. Denn nur in den Bergen hatten sich archaische Elemente aus dermateriellen und geistigen Kultur in großer Zahl bei der bodenständigenBevölkerung in unveränderter Form erhalten.
Seit jener Zeit hat man eine Fülle von faktographischem Materialgesammelt und publiziert. Die Schlüsse, die man daraus zog, warenjedoch von den Diskrepanzen zwischen einzelnen methodologischenAnsätzen der Forscher gekennzeichnet. Nicht nur einmal versuchte manaus der Abstammung der ukrainischen Bergbevölkerung den tendenziösenSchluß auf deren Verschiedenheit von den restlichen Gruppen der ukrai-nischen Bevölkerung abzuleiten. Deshalb forderte der bekannte ukraini-sche Ethnograph und Folkloreforscher Volodymyr Hnatjuk schon im Jahr1900 eine energischere und systematischere Erforschung der einzelnenethnographischen Regionen der Karpaten, vor allem des Bojkenlandes.Dabei unterstrich er, daß eine solche Tätigkeit von einer„ umfassendenMonographie, die nicht nur lokale Bedeutung haben, sondern auch einenwertvollen Beitrag zur ukrainischen und ruthenischen Ethnographie leistensollte", abzuschließen sei.
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