Ostgalizien ist die WestukraineEine Reise in die Gegenwart
Ulrich Göttke- Krogmann
Eine Reise nach Ostgalizien ist eine Reise in die Vergangenheit.Galizien ist für Österreich Teil der eigenen Vergangenheit, abgeschlossenund mit dem Etikett„ früher" versehen. Assoziationen sind vielleichtLemberg, das Schtet, die Ostjuden und Schriftsteller wie Josef Rothoder Manès Sperber. Mancher mag sogar noch den Begriff„ Ruthenen❝kennen und Polen damit verbinden. Aber meist beschränkt sich daskonkrete Wissen darauf, daß Galizien mit der Monarchie zu tun hatte.Bis 1918. Ob es danach noch existierte...?
Eine Reise in die Westukraine ist hingegen eine höchst gegenwärtigeAngelegenheit.
Es gibt wohl kaum eine Region in Europa, die theoretisch so leicht zuerreichen ist, praktisch aber so fern liegt. Eine der absurdesten und abwei-sendsten heute noch in Europa existierenden Grenzen schottet das Landab, gleich, ob man über Polen, die Slowakei oder Ungarn einreist.
Heute mit der Bahn in die Westukraine zu fahren, bedeutet einevergleichsweise strapaziöse und langwierige Reise. Von Wien ausbraucht man nach L'viv via Bratislava etwa 27 Stunden. Vor wenigenJahren waren es noch ca. 20, zur Zeit der Monarchie jedoch nur etwa 13Stunden. Geradezu eine Gegenbewegung zu der Beschleunigung nahezualler Lebensbereiche. Allerdings ist diese Verlangsamung nicht unbedingteine positive Entwicklung. Sie spiegelt vielmehr die Veränderungen aufEbenen wider, die mit der reinen Funktionstüchtigkeit der Bahn nichts zutun haben. Heute müssen zwei Grenzen überwunden werden, dieFahrpläne der jeweiligen Länder nehmen auf die Fahrpläne derNachbarstaaten mangels Nachfrage keine Rücksicht. Der Spurwechsel fürdie Weiterfahrt in den Ländern der früheren Sowjetunion tut ein übriges.
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