Zur Einführung
Klaus Beitl
Das Österreichische Museum für Volkskunde in Wien verfügt seit nahezueinhundert Jahren über eine ansehnliche und außerhalb ihresUrsprungsgebietes weithin einzigartige Kollektion ethnographisch- volks-kundlicher Gegenstände in einem Umfang von etwa 2000Inventarnummern, die in den beiden Jahrzehnten nach der Museums-gründung 1895 bis zum Ersten Weltkrieg im seinerzeitigen österreichi-schen Kronland Galizien zustandegebracht werden konnte. DerMuseumsgründer Michael Haberlandt hat in persönlicher Zusammen-arbeit mit prominenten einheimischen Wissenschaftlern und Sammlern,namentlich mit dem aus der Geschichte der Ukraine herausragendenEthnographen, Literaten und Politiker Ivan Franko, für das WienerMuseum eine volkskundliche Sachdokumentation aus Ostgalizien schaf-fen können, die dem seinerzeitigen wissenschaftlichen sowie kultur- undstaatspolitischen Anspruch des Museums auf eine ethnographischeDarstellung der" Kronlands- Individualitäten" der damals unter derKaiserkrone vereinigten Länder und Völker der sogenannten cisleithani-schen Reichshälfte genügen sollte. Neben der Darlegung der Eigen- Artsolcher regionalen Volkskulturen ging es auch darum, in vergleichendemVerfahren- ganz und gar im Sinne des in heutiger Betrachtungsweisewiederum relevanten Aspektes von der" Einheit in der Vielfalt"- die die-sen gemeinsamen Grundzüge aufzuzeigen. Die gleichzeitige Suche derfrühwissenschaftlichen Volkskunde nach den Ursprüngen regionaler kul-tureller Identität lenkte das Interesse der Forscher und Sammler vor-nehmlich auf Landschaften und Bevölkerungen, die vermeintlich" alte"Kulturzustände besonders gut bewahrt haben. Solche Kulturrelikte wur-den in meist verkehrsfernen, gebirgigen,„ kulturellen Rückzugsgebieten",sogenannten" Retentionslandschaften" gesucht und gefunden.
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