geeignet scheinenden Orten wandte sie sich an lokale Mittelspersonenwie Ortsvorsteher, kafetzis( Kaffeehausbetreiber), Händler und Kirchen-sänger, die den Kontakt zu den Informanten und Informantinnen herstell-ten. Bei ihren späteren Sammelreisen war sie dazu übergegangen, inden besuchten Orten zu nächtigen, wobei sie im Zuge ihrer Einquartie-rung sogleich ihr Anliegen beim kafetzís, der oft auch der Ortsvorsteherwar, vorbringen konnte. Auch reiste Hedwig Lüdeke bei ihren letztenZypernaufenthalten verstärkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, insbeson-dere dem ,, Postwagen", und erhielt dadurch schon auf der Fahrt Einblickin die örtlichen Verhältnisse. Im übrigen benutzte sie bei ihren FahrtenMietwagen, Privatfahrzeuge, die von Gönnern zur Verfügung gestelltwurden, mehrmals das erzbischöfliche Dienstfahrzeug, Pferdewagenund Reitesel. Abgesehen von Privathäusern war der hauptsächlicheSchauplatz für ihre Liedforschungen das kafeneion( Kaffeehaus), dar-überhinaus arbeitete sie in Läden, Höfen und Gärten.
Hedwig Lüdekes Gewährsleute waren poiitárides( ,, Volksdichter"), Schä-fer, Bauern, Ammen, Polizisten und in den Städten Köchinnen undHausangestellte. Von besonderer Bedeutung für Hedwig Lüdekes For-schungstätigkeit waren Hebammen, die in entlegenen Gebieten amWochenbett viel Zeit mit betagten Frauen verbrachten und hiebei mitBalladendichtung konfrontiert wurden. Auf vitale mündliche Überlieferun-gen stieß die Liedforscherin vor allem dort, wo Frauen gemeinsam ingrößeren Gruppen tätig waren( beim Sticken, Spinnen, der Herstellungvon Seilen etc.) und im Zuge ihrer Aktivitäten Liedgut austauschten. Diebedeutendsten Informanten und Informantinnen jedoch waren hochbe-tagte Frauen und Männer, die keine spezielle ökonomische Tätigkeitmehr ausübten.
Folgendes Zitat gibt eine Vorstellung vom Ablauf einer Liedaufnahme:
,, Sie[ Ch. Chatzigiórki, s. Abb. 3] sagte mir, sie hätte noch eine Ballade gewußt,hätte sie aber zum großen Teil vergessen.[...] ich bat sie, mir die Bruchstückedavon, die ihr noch einfielen, zu diktieren, da jede Zeile für mich von Bedeutungwäre. So begann sie denn. Wenn sie nicht weiter wußte, las ich ihr die bishergeschriebenen Verse vor, und meistens stellte sich dadurch der Zusammenhangwieder her, und sie konnte weitersagen. Schließlich fehlte nur noch der Anfang,und als wir am Schluße angelangt waren, fielen ihr auch die Anfangsverse ein,und so hatten wir gemeinsam in dreistündigem Bemühen dieses Stück gerettet,das ohne meine Anwesenheit gewiß schon sehr bald völliger Vergessenheitanheim gefallen wäre.[...] Es war die Jugendgeschichte der Mutter des byzan-tinischen Helden Digenis Akritas, die bisher in Volksballaden noch nie gefundenwurde und nur aus zwei Klosterhandschriften[...] bekannt ist." 41
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