Druckschrift 
Wunder über Wunder : gesammelte Studien zur Volkserzählung
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

bauen. Die Anerkennung, die Schlegel den soeben erschienenen Märchenzollte, mag ihn aber doch gefreut haben 22.

Das volkstümliche Wien lernte er in diesem Kreis nicht kennen. Erscheint es sonst kaum gesucht zu haben, Tanzfeste, Theateraufführungenusw. reizten ihn seiner ganzen Veranlagung und Herkunft nach nicht 23.Mit Verwunderung sah er erstmalig lebendiges katholisches Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum,nämlich die Prozessionen an den Bittagen: Hier haben mir die beinaheeine ganze Woche angehaltenen öffentlichen Bittgänge einen recht leb-haften Eindruck gegeben von dem, was alle öffentlichen Handlungensein und wirken können, es ist etwas Ergreifendes und Gewaltiges dabeiund eben gerade nichts so Katholisches, daß es dem Protestantischenwiderstritte." 24 Je länger er in Wien ist, desto eher hört und sieht erauch Züge des Brauches und Glaubens. So berichtete er am 21. Fe-bruar 1815 dem Bruder: Es ist hiesiger Volksglaube, daß durch Auf-legung einer todten Hand bösartiges Geschwür heile. Faden aus Todten-tüchern oder-hemden haben schon ähnliche Kraft." 25 Und selbst derVolkswitz hat ihn einmal interessiert, freilich wohl als politischer, gegenden von Elba zurückgekehrten Napoleon gerichteter Witz:

Antibes Cannes Grasse

an Dib kan Grace

Einem Dieb keine Gnade 26.

Das schreibt er dem Bruder auf und bemerkt dazu: In dergleichen sindsie hier nicht unstark. Hier ist das gemeine Volk witzig, der Adel mei-det den Witz, in Preußen ist der vornehme Stand witzig, der niedrigeaber nicht. Dies läßt sich noch auf viel anderes wenden." Eine Bemer-kung, die eigentlich an die bekannte Gegenüberstellung der Charakter-züge von Österreichern und Preußen durch Hugo von Hofmannsthalerinnert, ihrerseits aber auch etwas Formelhaftes an sich hat 26a.Das Zusammenwirken der verschiedenen Einflüsse auf den durchausungroßstädtischen, kontaktfremden Jacob Grimm hat immerhin bewirkt,daß er mit der Zeit in einen kleinen Kreis von Sammlern gezogen wurde,den man mit ,, Märchenkreis" sicherlich zu hoch gegriffen umschreibt,in dem aber Grimm tatsächlich einige Beiträge zur Märchensammlung

22 Briefwechsel ebd., S. 356.

23 Bei Nagl- Zeidler- Castle, Bd. II, S. 487, 488 scheint mir das VerhältnisGrimms zum volkstümlichen Wiener Theaterleben überschätzt.

24 Briefwechsel, s. o. Anm. 16, S. 450.

25 Briefwechsel, ebd., S. 432.

26 Briefwechsel, ebd., S. 446.

26 Die Gegenüberstellung von Preußen und Österreichern durch Hugo vonHofmannsthal: Preuße und Österreicher. Ein Schema( 1917). In: Hofmanns-thal, Ausgewählte Werke in zwei Bänden. Bd. II, Frankfurt am Main 1957.S. 615 ff.

14