Die Brüder Grimm und der Entwicklungsgang
der österreichischen Volkskunde
Von Leopold Schmidt
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Als Nachsatz zu einem bisher unveröffentlichten Brief an denWiener Romanisten Ferdinand Josef Wolf schrieb Jacob Grimm am22. März 1856:„ Zu Ihrem Ferdinand ist nun auch noch ein Joseph anden tag gekommen, Sie führen recht kaiserliche namen; ich habe seitdie Jacobs in England ausgestorben sind, kein recht auf solche ehre." 1Man glaubt eine kaum merkliche Erheiterung des sonst immer sehr ern-sten Jacob Grimm aus den Zeilen an den hochgeschätzten Herausgeberspanischer Volkspoesie, der sein neuestes Werk soeben Grimm gewidmethatte, herauslesen zu können. Vielleicht dazu aber auch noch eine Spurder Verwunderung über die österreichische Eigentümlichkeit, die Vor-namen gleichzeitig nach den heiligen Namenspatronen und nach denhabsburgischen Herrschern zu wählen. Grimm hatte alle diese Dinge inlangen Jahrzehnten theoretisch kennengelernt. Praktisch waren ihmjedoch diese Bereiche: Österreich, Habsburg, Katholizismus doch rechtfremd geblieben. Was er von Österreichs Volk kannte, die Überlieferun-gen, die er in die von ihm mit seinem Bruder gemeinsam herausgegebe-nen Sammlungen aufgenommen hatte, hatten mit diesen Bereichen wenigzu tun. Die nicht zu übersehende geschichtliche Bestimmtheit durch dieseElemente war den Brüdern kaum faßbar und auch kaum wichtig. Such-ten sie doch eben das außerhalb solcher Bindungen stehende älteregemeindeutsche, womöglich gemeingermanische Gut, und wiesen ihreSchüler und Nachfolger allenthalben darauf hin. Auch ihre österrei-chischen Schüler sind ihnen ein Jahrhundert lang weitgehend darin ge-folgt 2. Manches davon läßt sich aus den persönlichen Beziehungen derBrüder zu Österreich verstehen, von denen im folgenden einige wichtigeEinzelheiten und Verbindungen aufgewiesen werden sollen.
1 Handschriftensammlung der Wiener Stadtbibliothek, Inv.-Nr. 6748.2 Vgl. Schmidt, Leopold: Geschichte der österreichischen Volkskunde. Wien
1951.
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