Kaiser Josef II. in der Volkserzählung
Ein obersteirischer Schwank und seine Zusammenhänge
Von Karl Haiding
In seiner Studie„ Kaiser und Abt" 1 sagt Walter Anderson, nachdem erals Hauptgestalt( ,, Fragesteller") der von ihm untersuchten schwank-haften Geschichte eine Reihe historisch bedeutsamer Männer aus einerZeitspanne von Jahrtausenden angeführt hat:„ Die meisten dieser Per-sönlichkeiten verdanken ihre Erwähnung einer bloßen Erzähler- oderSchriftstellerlaune; nur folgende sechs Monarchen behaupten in unseremSchwank eine wirklich feste Stelle: Johann ohne Land( in England undAmerika), Matthias Corvinus( in Ungarn), Karl V.( in Nordbelgien),Peter der Große( in Rußland), Friedrich der Große( in Norddeutsch-land, vielleicht schon zu Lebzeiten, und möglicherweise zum Teil inDänemark) und Joseph II.( in Österreich- Ungarn). Über alle diese Herr-scher( außer Johann ohne Land) sind im Volke noch viele andere Anek-doten in Umlauf."
Die Aufzeichnung einer seltenen und vorzüglich erzählten Geschichtevon Kaiser Josef gibt den Anlaß, einmal wenigstens kurz auf das Nach-leben des großen Neuerers in der Volksüberlieferung einzugehen. Diewissenschaftliche Zielsetzung erhebt uns über einseitige Stellungnahmenverschiedener Zeiten und Standorte 2. Das Auftreten des Herrschers inderben Schwänken einerseits und im Sinne Harun- al- Raschids anderer-
1 Walter Anderson, Kaiser und Abt. Die Geschichte eines Schwanks( FF Com-munications Nr. 42). S. 87, Helsinki 1923.
2 Vgl. dazu Leopold Schmidt, Die Volkserzählung. Berlin 1963, S. 307. In sei-nen Ausführungen über den Schwank bedauert er, daß bisher wenig geschehenist, um die zur Schwankkristallisation verlockenden Herrscherpersönlichkeiten( außerhalb der gedruckten Schwanksammlungen der Renaissance) zu unter-suchen. ,, Ressentiments" und„, allzu respektvolle Anekdotensammlungen“ füh-ren zu keinen brauchbaren Ergebnissen. Als einzige Arbeit in volkskundlichemSinne hebt Schmidt die von Heinz Diewerge über den„ Alten Fritz" hervor.
123