XIII. Die Funktionen der Judastradition
,, Ich verchte och die vntrúwe die Judamvon gotte sclůg. Bin ich gotte getrúw so bestanich mit allen tugenden, mit aller gute in allerhute, bi gotte... 496a<<
Wir haben uns eingangs gefragt, welches Interesse eigentlich daran be-stehen konnte, das Judasbild weit über das in der Heiligen Schrift Ge-sagte hinaus auszubauen und in einer Fülle von Darstellungen verschie-denster Art zu tradieren. Welche Funktionen erfüllte diese Figur? Dasdürfte eine ganze Reihe der vorher zitierten Belege aus Brauch, Literaturund Theater deutlich gemacht haben. Geben wir hier aber noch einigebesonders explizite Stellen: In einer Versifikation der Vita Judae heißtes eingangs: ,, Torturas Jude cunctis, mea musa, reclude,/ ut quicumquelegat Jude sine crimine degat" 497.( Die Qualen des Judas, meine Muse,eröffne allen, daß, wer immer sie liest, ohne das Judas- Verbrechen lebe),und am Ende„, O quicumque legit carmen quod nostra peregit/ menspaupertina videat, ut absque ruina/ vivat mente pari metuens Jude so-ciari et commensalis domini factus specialis/ panem sic commedat, nesumpto pane recedat/ de vita vera se damnans morte severa" 498.( O,wer immer das Gedicht liest, das unser ärmlicher Sinn vollendet[ Be-scheidenheitstopos], möge sehen, daß er ohne Untergang gerechten Sin-nes lebe, fürchtend, dem Judas beigesellt zu werden, und zum besonde-ren Tischgenossen des Herrn gemacht, soll er das Brot so essen, daß ernicht, wenn er das Brot genommen, vom wahren Leben abweiche, sichselbst zu einem harten Ende verdammend.)
Oder lassen wir einen anglonormannischen Dichter des frühen 14. Jahr-hunderts zu Worte kommen, dessen Versen man den Titel„, de passioneJudas" gegeben hat, obgleich sie großteils die Passion des Herrn be-schreiben:
,, Kant Judas, li traitre, se purverti,
De sun eindegré a un laz se pendi.
Mes si il eust crié,„ Merci", uncore avereit pardon,
496a Mechthild v. Magdeburg, Morel, 265.
497 Lehmann, 279.
498 1.c. 283.
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