I. Einleitung
Die vorliegende Studie möchte u. a. ein kleiner Beitrag zur interdiszipli-nären Forschung in den Geisteswissenschaften sein. Sie ist zur Volkskundezu rechnen, wenn man unter diesem Namen eine zentrale, die zentrifu-galen Fachbereiche verbindende Wissenschaft verstehen will. Es wird derVersuch gemacht, das Bild zu beschreiben, welches man sich in Europavon einem großen„ Antiheiligen“ der Bibel gemacht hat, ein Bild mitvielen Facetten. Denn der Judas wird auf den Werken der bildendenKunst gezeigt und stand auf der Bühne, sein Name ging in die Sprachenein, und seine Figur wurde zum Mittelpunkt von Volksbräuchen.Wenn eine Arbeit, die in so verschiedene Fachbereiche hineinreicht, von,leider, einem einzelnen geschrieben wird, wird sie Ungenauigkeiten undFehler an sich haben, werden vor allem viele Quellen fehlen. Aber umeine vollständige Sammlung der Monumente, die Judas zeigen, geht eshier nicht, sondern darum, an einzelnen Beispielen Typisches vorzufüh-ren. Also eher das Allgemeine( z. B. was ist das Zeittypische an Michel-angelos Judas beim Abendmahl) denn das Besondere( sein Judas als indi-viduelles Kunstwerk) soll den Schwerpunkt der Untersuchung bilden,weshalb üblicherweise exemplarisch solche Quellen zitiert werden, derenAussage, wenn nicht anders bemerkt, dieselbe Information bietet, dieman auch aus einer ganzen Reihe ähnlicher Dokumente gewinnenkönnte. Immerhin konnten von den hier vorgelegten Materialien mehrals die Hälfte aus in der bisherigen Judas- Literatur noch nicht herange-zogenen Quellen beigebracht werden. Wenn dabei auch eine knappe Zu-sammenfassung der bisherigen( sehr zerstreuten) außertheologischen Ar-beiten über diese Gestalt entstanden ist, so wird dies wohl durch das gänz-liche Fehlen einer solchen Darstellung gerechtfertigt, wie es auchkeine neuere ikonographische oder überhaupt keine volkskundlicheMonographie über Judas gibt. Die in den Anmerkungen gegebene Litera-tur wird aber meistens reichen, das hier nur in Strichen gezeichnete Bildauszufüllen. Theologische Untersuchungen über den historischen Judasfindet man dagegen übergenug 1, weshalb deren Fragestellung hier aus-
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1 Bis in die vierziger Jahre ist die einschlägige Literatur fast vollständig ange-führt in dem grundlegenden, aber den deutschen Autoren durchgehend unbe-kannten Werk von
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