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Judastraditionen
Entstehung
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dung eines Tisches beim Mahl als verschiedene kulturelle Entwicklungs-stufen betrachtet, deren ältere( zumindest unbewußt) als minderwertigergilt, so könnte man diese im Doppelsinn des Wortes tiefere Position desJudas abermals als ein Mittel zur Absetzung gegenüber den höher- gestell-ten Aposteln verstehen. Mit einem Judas- so die vorgotischen Bild-zeugnisse

sitzt man eben nicht am selben Tisch.

In der mittelalterlichen Gralsmythologie bleibt daher sein Platz an derGralstafel, die eine Imitatio" des Abendmahlstisches ist, leer 119.

Auf dem Kanzelrelief von Volterra( 12. Jh.) kniet er sogar in Gesell-schaft des Teufels unter dem Tisch 120( Abb. 2).

Manchmal steigert sich seine Einsamkeit noch durch die verzerrte Hal-tung seines Leibes 121. Doch seine Vereinsamung ist nicht auf dieseSzene 122 beschränkt. Auf einer Elfenbeintafel des 4. oder 5. Jahrhun-derts( Abb. 1) hängt Judas neben dem Gekreuzigten an seinem Baume,unter ihm liegt( im Widerspruch zum Bibeltext) der Beutel, aus dem dieGeldstücke kollern 123. Während Jesus aber von den Seinen umgeben ist,stirbt sein Verräter ohne Bei- stand: alle wenden ihm den Rücken zu.Analog dazu küßt Judas den Heiland in den älteren Bildern, ohne ihnzu berühren, oder nur ganz leicht 124, er ist, durch seine isolierte Stellunggleichsam excommuniciert" 125.

In der Spätgotik und den ihr folgenden Epochen wird dieses Stilmitteloft aufgegeben, und es schließt sich nunmehr der Kreis der Jünger umdie perspektivisch dargestellte Tafel 126. Nun wird er ja durch andereMomente erkennbar, wie z. B. durch seine Physiognomie oder das nunregelmäßig beigegebene Attribut des Beutels, in dem er seinen ,, Judas-lohn" mit sich trägt. Diese neuen Kennzeichnungen können sowohl stattals auch zusammen mit der Isolierung gebraucht werden. Vor der Gotikaber ist es für gewöhnlich nur die Isolierung, die ihn aus den anderen

119 K. Burdach: Der Gral, Darmstadt n1974, 461, 479s.120 Schiller, Abb. 93.

121 Ein exzellentes Beispiel aus der Romanik: Henri Focillon: Art d'Occident,I, Paris 1971, 330= pl. 266; cf. CV 95 und Schwarz- Weiß- Abbildung 75.122 Dieser Bildtypus setzt sich in Italien bis zum 14., in Deutschland bis zum15. Jh. fort, Porte, 49, 70.

123 Jursch, 101s.

124 Porte, 89.

125 1.c. 25.

126 Beispiele für den, integrierten" Judas: Wirz, Bild 16( Giotto), 17( PietroLorenzetti, 1287-1355), 24( Leonardo), 27( Raffael- Schule). Andrea delCastagno( 1423-1457), Ghirlandaio, Tintoretto u. v. a. verwenden noch denalten Typus, letzterer stellt aber den Tisch schräg perspektivisch in den Raum,Murray, 108; Vloberg, 100s; Arnold Hauser: Der Manierismus, München 1964,Abb. 170.

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