unausweichlichen Handlung zu sein. Bestes Beispiel unter vielen istvielleicht ein goldenes Halbrelief aus Frankreich( 13. Jh.) 114. Christusund Judas umarmen einander, sie beide, nicht anders als die Häscher,sind tiefernst, still, gelassen. Der stets gleiche, tatsächlich austauschbareGesichtsschnitt und die Judas und Jesus zusammenfassende Kompositionrealisieren dieses Ein- gestimmtsein. Passions- und damit auch Judas-Szenen, in denen alle Gestalten aus dem„ es muß sein" der Erfüllung desAlten Testaments, der Erfüllung der Prophezeiungen leben, kennt dasganze Mittelalter; völlig passiv läßt Jesus den Verräterkuß über sich er-gehen, ja selbst die Folterknechte, die ihn schinden, sind über ihre Grau-samkeit hinaus von derselben Stimmung ergriffen als ob sie sich be-wußt wären, nur Werkzeuge zur Erfüllung der Vorsehung zu seinauch noch auf manchen spätgotischen Tafeln. Dieses Miteinander in der-selben Stimmung, Übereinstimmen aller auf einem Bild wiedergegebenenFiguren ist also kein bloß auf die Romanik beschränktes Moment, son-dern eine Erscheinung, die in der mittelalterlichen Kunst überhaupt auf-treten kann, gemalte Prädestination, wenn man es so ausdrücken darf.Da nun der häßliche Judas erst für die Spätgotik charakteristisch ist,welches Mittels bedienten sich die älteren Künstler? Der Isolierung. Dasläßt sich am schärfsten in den Abendmahlsbildern zeigen: Drückt sichdie Kluft zwischen den getreuen Aposteln und dem ungetreuen Jüngerim Codex Rossanensis 115( 3. Viertel 6. Jh.) noch nicht aus, da der in dieSchüssel greifende Judas mitten unter den anderen sitzt, so ist der ganzeinsam und klein an der Vorderseite des Abendmahlstisches stehendeoder kauernde Verräter mindestens seit der ottonischen Epoche 116 häufigzu finden 117. Es ist kein Argument, daß Judas knien müsse, um Christusnicht zu verdecken 118, denn man hätte ihn ja genausogut unter dieanderen Apostel einreihen können, und es finden sich ja auch solche Bil-der vereinzelt. Wenn man das Sitzen auf dem Boden oder die Verwen-
114 New Catholic Encyclopedia VIII, New York usw. 1967, 15.
115 P. D. Corbinian Wirz: Die heilige Eucharistie und ihre Verherrlichung inder Kunst, Mönchengladbach 1912, Bild 11. Eine späte Wiederholung diesesTypus zeigen Mosaiken in S. Marco zu Venedig( ca. 1200), 1.c. Bild 15.
116 Perikopenbuch Heinrichs II., Kidson, 45; Hermann Schnitzler: Fulda oderReichenau?( Wallraf- Richartz Jahrbuch XIX, 1957) Abb. 32ss; selten kommtJudas auch unter den anderen sitzend vor, RDK I, 31.
117 Beispiele: Schmidt( 1959), Tafel 19, 3. Viertel 14. Jh.; Jursch, 103s, Naum-burg; Schiller, Abb. 91, Salzburger Perikopenbuch um 1140; Stix, Abb. 22,Wiener Chorgestühl 2. Hälfte 15. Jh., Tröscher, Tafel 1, Genter Abendmahls-darstellung von 1360; Wirz, Bild 9, umbrische Schule, 15. Jh.; 1.c. Bild 20, LucaSignorelli( 1441-1523); l.c. Bild 21, 22, 23( 15. Jh.), 29, 30( 16. Jh.). Cf. wei-ters Maurice Vloberg: L'eucharistie dans l'art, Grenoble, Paris 1946, 87ss.118 Wie Réau, 413 annimmt.
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