früherer englischer Psalter 72 die Häscher am Ölberg mit zähneknir-schenden Fratzen zeigt, von denen sich das durch seine herabgezogenenMundwinkel zwar auch ungute Gesicht des Judas immer noch klarunterscheidet.
Die genaue Umkehrung scheint erst das Spätmittelalter zu bringen.Duccio's( ca. 1255-1319) finsterschauender Verräter steht etwa amBeginn 73. Eine Klosterneuburger Altartafel von ca. 1335 gibt Judasweit abstoßender als die Schergen 74, und im 15. Jahrhundert ist dieHäßlichkeit des Judas vollkommen allgemeine Konvention. Leicht be-gnügt man sich nicht, den Bösen bloß mit Falten und Runzeln zu cha-rakterisieren 75, sondern sein Antlitz ist böse 76, scharf von den anderenAposteln geschieden 77, bewußt boshaft mit Freude über seine Tat 78,ein Typ, den besonders deutlich und grotesk finnische Kalkmaler ver-ewigt haben( Abb. 4) 79. Der Judas eines italienischen Augustinuscodexin Cambridge( um 600) 80 ist eigentlich kein Vorläufer, da er bloß einfinster blickendes, aber kein häßliches oder verzerrtes Antlitz zeigt.Fassen wir zusammen: Bis ins 14. Jahrhundert ist der physiognomischnicht besonders gekennzeichnete Judas die Regel, wogegen in der Spät-gotik der Verräter zumeist schon allein vom Gesicht her zu erkennen ist.Ergänzend hierzu läßt sich feststellen, daß einmal ein typisches Judas-attribut, der( meist rote) Geldbeutel, in den spätgotischen Abbildungendurchaus regelmäßiger auftritt als in den früheren, zweitens der Bartöfters in den älteren Darstellungen fehlt 81-- ja bisweilen ist Judas imGegensatz zu allen anderen der einzige Bartlose-, und drittens dieFarbikonographie bis ins 14. Jahrhundert hinein schwankt.
Als Farben für Judas' Kleidung kommen vor: besonders Blau 82, gern
72 C. L. Ragghianti( ed.): British Museum, London, London usw. 1969, 148.73 Enzo Carli: Duccio di Buoninsegna, München 1961, Abb. 34, 36, 38.74 Peter von Baldass u. a.: Gotik in Österreich, Wien usw., 1964, Tafel VII.75 Wie z. B. auf einem preußischen Altar Anf. 15. Jh., Rácz, Abb. 183.76 Spätgotische Wandmalerei in La Brique, Georg Troescher: BurgundischeMalerei, Tafelband, Berlin 1966, T. 204; Konrad v. Soest( fl. 1. V. 15. Jh.),Wildunger Altar, Kurt Steinbart: Konrad von Soest, Wien 1946, Abb. 19. HansMultscher, Wurzbacher Altar von 1437, Alfred Stange: Deutsche spätgotischeMalerei, Königstein 1965, 24.
77 Baum( 1971), Nr. 114, Tafel Mitte 15. Jh.
78 Meister der Uttenheimer Tafel, c. a. 1475, 1.c. Nr. 65.
79 Rácz, pl. 107 aus Taivassalo, nach 1470; pl. 111 aus Kalanti, ca. 1470.
80 Schiller, Abb. 11.
81 Z. B. Judaskuẞ eines pisanischen Meisters, romanisch, bei Josef Pichard: DieMalerei der Romanik, Lausanne 1966, 71; Porte, 22( cf. unten A. 82); De-schamps, Abb. 94 b( cf. oben A. 64); Baum( 1971), Nr. 114( cf. oben A. 77);Baldass, Tafel VII( cf. oben).
82 Porte, 22, Evangelienbuch des Klosters Gaenati aus dem 9. Jh.
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