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Produkt Muttertag : zur rituellen Inszenierung eines Festtages ; Begleitbuch zur Ausstellung: Produkt Muttertag - Zur Rituellen Inszenierung eines Festtages, 6. April bis 4. Juni 2001, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien
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>> WACHSET UND VERMEHRET EUCH«<?

ÜBERLEGUNGEN ZUR FAMILIENPOLITIK DER GEGENWART

MARIA MESNER

105 1945-1963: Die goldene Zeitdes Heiratens und Kinder-kriegens

Familie ist>> privat«<: Oder zumindest ist das Familiäre die Anti-these zum Öffentlichen, ist man geneigt zu glauben, betrachtet mandie vielen Gruppenbilder, die zum Muttertag oder an ähnlich sym-bolbeladenen Terminen aufgenommen werden. Menschen gründenaber ihre Familien nicht nur entlang ihrer persönlichen Bedürfnisseund Wünsche. Staatliche Gesetze legen fest, wie»> Familien«< zu seinhaben, um als solche anerkannt zu werden. Entsprechende gesell-schaftliche Normen werden festgelegt, verteidigt, in Frage gestellt,durch Politik( wie durch alle anderen Praktiken auch) bestätigt oderverschoben. Familienpolitik ist ein wesentliches Politikfeld, in demfestgelegt wird, ob ein bestimmtes Verhalten akzeptiert, belohnt,gefördert, bestraft, marginalisiert wird. Hinter spezifischen Geset-zes- Formulierungen in diesem Bereich stehen immer auch- mögli-cherweise unausgesprochene, nichts destotrotz aber identifizierbare- Normen in Bezug auf Geschlechterverhältnisse, entsprechendeRollenzuschreibungen und Hierarchisierungen. Unter diesen Vor-aussetzungen folgen einige Überlegungen zur gegenwärtigen Fami-lienpolitik.

Familienpolitik als Politikfeld und als Konzept stammt- auf Öster-reich bezogen- aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.Damals wurde» Familie« zum Förderungsobjekt staatlicher Politik,und zwar gleichgültig, ob die so geförderte Personengruppe derfinanziellen Unterstützung überhaupt bedurfte. Bis dahin warenalle Förderungen auf bedürftige Personengruppen beschränkt,dafür gedacht, die schiere Existenz gefährdende Armut zu lindern.Einzige Ausnahme bildeten die» Ehestandsdarlehen« der National-sozialisten. Diese sollten mittels finanzieller Unterstützung zurSteigerung der Geburtenraten führen. Allerdings wurden nur die>> richtigen<< Geburten belohnt:» Deutsch«< mußten die Eltern sein,>> arisch<< und»> erbgesund«<. Wer das nicht war, lief ohnehin Gefahr, indie nationalsozialistische Tötungsmaschine zu geraten, etwaigenNachkommen erging es genauso.

Produkt Muttertag

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