DAS GROBE MUTTEROPFER.
MUTTERTAGSFEIERN IM CHRISTLICHEN STÄNDESTAAT
IRENE
BANDHAUER- SCHÖFFMANN
1 Zur Konstruktion und Funk-tion des Opfers vgl.
- René Girard, Das Heiligeund die Gewalt, Frankfurta. M. 1992;
eine neue Sicht auf JuliaKristevas These vom Frauen-opfer bringt
- Martha J. Reineke, Sacrifi-ced Lives. Kristeva onWomen and Violence, Bloo-mington and Indianapolis1997, insbes. S. 65ff.;zum Frauenopfer siehe auch:Gerburg Treusch- Dieter, Dieheilige Hochzeit, Pfaffenwei-ler 1993.
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2 Plakat des Mutterschutz-werkes, aufgestellt in derAusstellung» Das werdendeund das wachsende Kind«<,die am Muttertag 1936 imNaturhistorischen Museumin Wien eröffnet wurde.Abbildung dieses Plakatesz. B. in: Mütterzeitung.Organ des Mutterschutz-werkes der VaterländischenFront, 1. Jg., H. 2, Juni 1936,S. 3.
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055 Mütterzeitung, Privatbesitz
Die Geschichte des Muttertages im> christlichen Ständestaat< ist eintypisches Beispiel dafür, daß( semi-) faschistische Regime Ideen ausihnen ideologisch fernstehenden politischen Bewegungen wie derArbeiterbewegung oder- im konkreten Fall des Muttertages- derbürgerlich- liberalen Frauenbewegung entlehnen und sie in einenanderen Kontext stellen. Der Muttertag, der ursprünglich die unbe-zahlte Arbeit der Frauen öffentlich sichtbar machen sollte, wurdezum inszenierten Mutteropfer.' Es ging im» christlichen Stände-staat«< nicht mehr um Arbeit, nicht um die frauenbewegten Forde-rungen zur Erleichterung der häuslichen Arbeit und deren gesell-schaftliche Sichtbarmachung und Anerkennung, sondern um dasideologisch überhöhte Opfer, das im religiösen Kontext von denkatholischen Müttern zu erbringen war. Für ein religiös überhöhtesOpfer brauchte es keine Anerkennung, es sollte in der NachfolgeChristi erbracht werden. Muttertag( die Mutter, die sich opfert) undWeihnachten( Christus, der sich opfert) wurde in engen Zusammen-hang gebracht. Auf einem Plakat des Mutterschutzwerkes der Vater-ländischen Front wurde verdeutlicht, wie das Mutterschutzwerk zurBekämpfung des Geburtenrückgangs den Müttern hilft:»> durch Müt-terehrung, Weihnacht, Muttertag<<. 2
Akteure der Muttertagsfeiern- Kirchenmänner und ein Teil derFunktionärinnen der Katholischen Frauenbewegung
Die Akteure des inszenierten Mutteropfers waren die Funktionärin-nen und Funktionäre der Vaterländischen Front und die Kirchen-männer, allen voran die der Katholischen Aktion, die das demokra-tisch organisierte katholische Vereinswesen 1935 neu organisierte,die regimekritischen katholischen( Frauen-) Vereine zerschlug unddamit eine wesentliche Hilfestellung der katholischen Kirche fürdas Regime erbrachte. Die Frauen der bürgerlich- liberalen Frauen-bewegung, deren Dachverband» Bund österreichischer Frauenverei-ne<< vom austrofaschistischen Regime nicht verboten worden war,und auch die>> Katholische Frauenorganisation für die Erzdiözese
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