GESCHICHTE EINER DOPPELTEN VERPFLICHTUNG
MÜTTER ZWISCHEN ERWERBSTÄTIGKEIT,FAMILIENÖKONOMIE UND
PERSÖNLICHEN LEBENSVORSTELLUNGEN
BIRGIT
BOLOGNESE- LEUCHTENMÜLLER
1 Familie- zwischen An-spruch und Alltag. Österrei-chischer Familienbericht1999, hg. v. Bundesministe-rium für Umwelt, Jugendund Familie, Wien 1999,S. 100.
2 Vgl. Frauenberufstätigkeit.Ergebnisse einer repräsenta-tiven Untersuchung desIFES im Auftrag der Kam-mer für Arbeiter und Ange-stellte für Wien, Wien 1972.
3 Kinderschwund-( na)
und...? Wie reagiert unsereGesellschaft auf die demo-graphischen Entwicklun-gen? Tagungsband 1999,zusammengestellt von derAbteilung Frauen- Familieder Kammer für Arbeiterund Angestellte für Wien,Wien 1999, S. 54.
096 Frauen und Mädchen inder Fabrik während desErsten Weltkrieges,Österreich 1870-1930
Berufstätige Mütter stellen in Österreich heute einen gesell-schaftlichen Normalfall dar. Namentlich die Neunzigerjahre habenin dieser Hinsicht noch einen unerwartet starken Schub insofernbewirkt, als speziell die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kin-dern unter fünfzehn Jahren überdurchschnittlich stark zugenom-men hat. Der Begriff» Normalfall«< trägt aber nicht allein den quan-titativen Aspekten dieser Entwicklung Rechnung: noch vor etwadrei Jahrzehnten wurde die Erwerbstätigkeit von Müttern( vorallem kleinerer Kinder) äußerst kontroversiell bzw. überwiegendablehnend diskutiert, ² eine Haltung, die sich rückblickend nur mehrals mehr oder weniger bewußt- mentale Verweigerung gegenüberder konkreten gesellschaftlichen Realität auch schon der frühenSiebzigerjahre interpretieren läßt. In dieser Beziehung ist seitherein unverkennbarer Einstellungswandel auszumachen. Laut>> Inter-national Social Survey( ISSP)<< kommt er in der Selbstverständlich-keit zum Ausdruck, mit der in den Industriestaaten von beiden Ehe-partnern ihr Beitrag zum Haushaltseinkommen erwartet wird,Österreich liegt dabei in Europa mit einer Zustimmung von 74% derbefragten Personen zu dieser Forderung ganz vorn gleich hinterSchweden mit 80%.3 Was sich also dem Kern nach primär» normali-siert<< hat, ist die Meinungsbildung zur Berufstätigkeit von Müttern,die gesellschaftliche Akzeptanz- ihre Erwerbsbeteiligung an sichist dagegen ja historisch gesehen weder ein neues noch spezifisch>> modernes<< Phänomen.
Zwischen dieser gestiegenen Akzeptanz bzw. sogar Erwartung einerErwerbsbeteiligung von Müttern und den Bedingungen, denen siereal unterliegt, läßt sich derzeit allerdings( noch) kein unmittelba-rer Wirkungszusammenhang in Richtung merklicher substantiellerVerbesserungen der Ausgangslage für Frauen erkennen. Eine nachwie vor sehr einseitige Lastenverteilung in den Familien- und Haus-haltsaufgaben und ein eindeutig geschlechtsspezifisch segmentier-ter Arbeitsmarkt präsentieren sich hier als in dieser Hinsichtgleichsam»> logisches« Ergebnis langfristig gewachsener Strukturen.Strukturentwicklungen über einen langen Zeitraum hin sind nach-träglich aber nicht mehr ohne weiteres als Resultat eines viel-
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