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Produkt Muttertag : zur rituellen Inszenierung eines Festtages ; Begleitbuch zur Ausstellung: Produkt Muttertag - Zur Rituellen Inszenierung eines Festtages, 6. April bis 4. Juni 2001, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien
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DER NATIONALSOZIALISTISCHE MUTTERKULT

IRMGARD WEYRATHER

1 Opferdienst der deutschenFrau, Juni 1931, Berlin. In:Arendt/ Hering/ Wagner1995, S. 176.

2 Zum NS- Arbeitskult siehe:- Weyrather 1996; zu Bauernund Bäuerinnen im Natio-nalsozialismus siehe:

- Münkel 1998; zum Toten-und Heldenkult siehe:

- Behrenbeck 1999;

zum Führerkult siehe:

- Kershaw 1999 u. 2000;zum NS- Kult insgesamt:- Karow 1997.

Linke Seite:

064 Wolfgang Willrich, Hüterinder Art, Ölgemälde 1938

Im nationalsozialistischen Denken war es die höchste und vereh-rungswürdigste Aufgabe der» deutschen<< Frauen, das»> deutsche<<Volk durch>> erbgesunde« und» arische« Kinder zu vergrößern. Auf-grund der von Staat und Partei inszenierten, quasi religiösen Vereh-rung der>> deutschen Mutter<< kann man ab 1933 von einem regelrech-ten Mutterkult der Nazis sprechen. Elemente dieses Mutterkults fin-den sich auch schon in NS- Texten aus der Zeit der Weimarer Repu-blik. In der nationalsozialistischen Frauenzeitschrift» Opferdienstder deutschen Frau« heißt es zum Beispiel 1931:» Sagt Euch los vomIrrwahn Ihr Frauen!(...) Hinauf in den unsichtbaren Tempel, der sichüber unserem Vaterlande wölbt und in dem die Mütter unseres Vol-kes stehen, als Vorbilder, Priesterinnen und Opfer zugleich!<<'

Die deutsche Mutter war die einzige weibliche Kultfigur des Natio-nalsozialismus; die männlichen Kultfiguren waren der»> deutsche<<Arbeiter, der>> deutsche<< Bauer, der» deutsche« Soldat( als Held) undder Führer.² Der NS- Mutterkult betraf natürlich nicht die Mütter alssolche, sondern nur die» deutschen« Mütter, wobei» deutsch<< syn-onym gesetzt werden kann mit» arisch«<,» erbgesund<< und- im NS-Sinn- sozial und politisch einwandfrei.

Zu Beginn der NS- Herrschaft wurde der Mutterkult vor allem durchsogenannte>> Mütterweihespiele« betrieben. Sie waren Teil einer brei-ten nationalsozialistischen Kultausübung, die sich aus Thingspielenund Sprechchoraufführungen zusammensetzte. Diese chorischenSpiele hatten die Laienspielbewegung der zwanziger Jahre zum Vor-bild, die aus der Jugendbewegung heraus entstanden war. Sie wur-den bevorzugt auf den neugebauten Freilichtbühnen aufgeführt, die,wie der völkische Dramatiker Hans Johst gefordert hatte,» völkisch-religiöse Weihebühnen«( Thingstätten) sein sollten.( Vondung 1971,S. 19) Zu diesen chorischen Spielen gehörten zum Beispiel die Stücke>> Den Müttern« von NS- Dichter Hans Baumann,» Märchen einer Mut-ter<< von Bethge,» Mutterlegende« von Hellmut Unger, das sogenannteMysterium»> Ewige Mutter« von W. Hofmann und» Gudrun. Das Hel-denmal der germanischen Mutter<<.

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