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Gnadenreiches Jesulein : Jesuskindverehrung in der Andachtsgraphik ; Österreichisches Museum für Volkskunde im Gartenpalais Schönborn
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Das Jesulein als Neujahrsbote

Ich will mit diser gab, mein Freind an dich getencken,

und zu ein Neuen Jahr, Das Jesukindlein schencken.

Die Glückwunschblättchen zur Jahreswende bilden nicht nur eineigenes Kapitel in der Frühgeschichte der graphischen Kunst, sondern stel-len einen speziellen Themenkreis des gnadenreichen Jesuleins dar, dashier als Neujahrsbote auftritt.

Während im antiken Rom die Zählung des Jahres vom 1. Jänner anbereits seit 153 v. Chr. gebräuchlich war, feierte das Christentum denBeginn des Jahres am 6. Jänner. Seit Mitte des 4. Jahrhunderts betrachteteman im christlichen Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendland den 25. Dezember als Geburtstag Christiund gleichzeitig als Jahresanfang, bis Papst Innozenz XII. im Jahre 1691den Neujahrstag auf den 1. Jänner verlegte. Der Anfang des Kirchenjahresbeginnt in der katholischen Kirche aber mit dem 1. Adventsonntag. DieserWechsel hat das Jesuskind nicht nur zum Gabenbringer, sondern auch zumBoten der guten Wünsche für das kommende Jahr werden lassen.

Der Jahreswechsel wurde vorerst nur von den Erwachsenen zumAnlaß für den Austausch von Glückwünschen und kleinen Geschenkengenommen. In den Neujahrsbriefen, die man sich im 14. und 15. Jahrhun-dert in adeligen und geistlichen Kreisen sandte, verband man nicht seltenpersönliche Wünsche mit Darstellungen des Jesuskindes als Bote für einglückliches Jahr. Seine Blüte findet das Neujahrsbild im 15. Jahrhundert inForm von kleinen Gedenk- und Einlegebildchen. Diese Blättchen, zumeistkolorierte Holzschnitte, aber auch Kupferstiche, lassen noch ganz den Geistder frauenklösterlichen Mystik spüren. Auf den erhaltenen Darstellungenerscheint das Jesuskindlein als Neujahrskünder, zumeist nackt oder nurmit einem flatternden Hemdchen angetan, beispielsweise einer Blume ent-steigend oder auf einem Kissen sitzend. Trotz der einschmeichelndenNaivität und dem kindlichen Ausdruck, kann das Leidensmotiv durch diePassionswerkzeuge bereits in diesen Darstellungen anklingen. Wünschefür das kommende Jahr, gerne in Spruchbänder gesetzt, belegen die ter-minliche Verwendung als Neujahrsgeschenke.

Der alten Tradition folgend erscheint auch auf den Neujahrszetteln des 18.Jahrhunderts das Jesuskind als segenbringendes Sinnbild des neuen Jah-res, obwohl sich der 1. Jänner als Neujahrstag schon längst durchgesetzthatte. Doch an wen sollte man sich in Zeiten ständiger Bedrohung durchKriege, Seuchen und andere Gefahren wenden, wenn nicht an das gnaden-reiche Jesulein. Das Jesuskind, das in diesen Tagen als Welterlöser insDasein eingetreten ist, soll dem Betrachter den erhofften Segen zuwenden.So wird auf einem Blatt des Augsburger Kupferstechers und VerlegersJohann Michael Motz( 1731-1803) das Jesulein um Erlösung vom Unheil imnächsten Jahr angefleht( Kat.-Nr. 149).

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