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Gnadenreiches Jesulein : Jesuskindverehrung in der Andachtsgraphik ; Österreichisches Museum für Volkskunde im Gartenpalais Schönborn
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Das Wesen des kleinen Andachtsbildes

Die Anfänge des kleinen Andachtsbildes reichen bis weit ins Mittel-alter zurück. Im 14. Jahrhundert wurden gemalte Pergamentminiaturenund kunstvoll geschnittene Spitzenbilder von Klosterfrauen in liebevollerHandarbeit hergestellt. Sie dienten der klösterlichen Erbauung und als Ge-schenke. Der Aufschwung des Wallfahrtswesens im 14. und 15. Jahrhundertführte zu einer verstärkten Nachfrage an kleinen Andachtsbildern und illu-strierten Ablaßbildchen, deren gesteigerter Bedarf aber von den Miniatur-malern nicht mehr gedeckt werden konnte. Daraus ergab sich, daß derHolzschnitt nun auch für die Herstellung von Andachtsbildern herangezo-gen wurde. Später verdrängte der Kupferstich den Holzschnitt, da bei die-ser Technik die Linienführung auf das feinste nuanciert werden konnte.Durch die weiterhin händische Kolorierung gewannen die massenhaft ge-druckten Bildchen ein bißchen Individualität und volkstümlichen Charak-ter. Darüberhinaus zeugen die erhalten gebliebenen Spickelbilder( Stoff-klebebildchen, die im 17. Jahrhundert in Mode kamen und im 18. Jahrhun-dert auch mit Silber- und Goldfolie unterlegt wurden), die gemalten Perga-mentbildchen mit geschnittenem oder gestanztem Rand, die Stoffdruckeund Stickereien von der Formenvielfalt des kleine Andachtsbildes in seinerBlütezeit.

Nach einer zeitweiligen Stagnation in der Entwicklung des Andachts-bildes durch die Reformation, waren es vor allem die Jesuiten, die sich derWeiterentwicklung und Verbreitung der Bildchen im Zuge ihrer gegenre-formatorischen Missionstätigkeit annahmen. Neben der flämischen Pro-duktion nahm Augsburg bereits im 17. Jahrhundert eine führende Rolle inder Herstellung und im Vertrieb des kleinen Andachtsbildes ein. In Öster-reich stand das Andachtsbild im 17. Jahrhundert noch nicht in großen Men-gen zur Verfügung, sondern gelangte erst im 18. Jahrhundert zu einemHöhepunkt der massenhaften Verbreitung. Mit dem 19. Jahrhundert verliertdas kleine Andachtsbild durch die neuen technischen Möglichkeiten zwaran handwerklicher Qualität, erfreut sich aber weiterhin großer Beliebtheitund weiter Verbreitung. Prägedrucke, Stahlstiche, Lithographien und mo-derne Farbdrucke ermöglichten eine höhere Anzahl der Abzüge bei gleich-bleibender Qualität und geringeren Herstellungskosten. Maschinelle Aus-stanzverfahren erlauben die Massenproduktion der dekorativen Spitzenbil-der. Bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts wurden die Andachts-bildchen weiterhin gerne als Souvenirs von Wallfahrtsstätten, für religiös-didaktische Zwecke und für die persönliche Andacht erstanden.

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