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Mikro- ethnographische Dokumentation kultureller Gegenstände
Gábor Wilhelm, Budapest/ Ungarn
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Die heutige Ethnographie muss sich vor allem in den Mu-seen, aber nicht nur dort auch der Frage stellen, wie es mit derSammlung und Dokumentation von kulturellen Gegenständen wei-tergehen soll. Teilaspekte dieses Problems betreffen die Frage derKontinuität früherer Sammlungen, die Orientierung der Volkskundein ihrer Thematik auf Gegenwart oder Vergangenheit und die Koor-dination von Dokumentation und Forschung. Ich möchte hier einekonkrete theoretische und methodologische Perspektive erwähnen,die innerhalb der materiellen Kulturforschung noch relativ neu ist,und die nicht nur eine neuartige Sicht auf ein altes Thema darstellt,sondern überhaupt einem Mangel auf der thematischen Palette derVolkskunde abhilft. Ich versuche aufgrund dieses Beispiels auch dieobigen theoretischen und methodologischen Aspekte zu diskutieren.
In diesem Artikel gehe ich also von der Annahme aus, dass al-le ethnographischen Untersuchungen und Dokumentationen vonGegenständen nur auf der Grundlage einer mehr oder weniger entwi-ckelten Theorie der kulturellen Objekte ausgeführt werden können.Das Argument dafür ist einfach: es gibt zu viele Alternativen fürirgendeine Themenauswahl( oder für die Auswahl von Fällen) in derheutigen Situation der globalisierten Gesellschaften und der Massen-produktion. Für die Themenauswahl gilt zwar die allgemeine Regelder Relevanz, aber diese wiederum ist doch eine theorieabhängigeFunktion( Hammersley 1992: 26-27, 72-75). Wegen der Überfülleder täglich benutzten Objekte scheint auch eine totale Dokumenta-tion unmöglich zu sein, auch dann, wenn wir uns nur auf der Ebeneder Haushalte bewegen.( Die Zahl der Alltagsobjekte per modernemHaushalt kann sich leicht auf 20.000 belaufen.) Aber ich gehe sogarweiter und behaupte: es gab immer zu viele Alternativen- auch imFalle der traditionellen Untersuchungen von Gegenständen-, nur:diese Alternativen und selbst die Möglichkeit von Alternativen wur-de nicht immer berücksichtigt, das heißt sie wurden vom domi-nierenden und daher nicht expliziten Standpunkt aus ziemlich häufig