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Istrien: Sichtweisen : Begleitbuch zur Jahresausstellung 2001 im Ethnographischen Museum Schloss Kittsee vom 27. Mai bis 14. Oktober 2001 und vom 27. Oktober 2001 bis 27. Jänner 2002 im Österreichischen Museum für Volkskunde, Wien
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Sichtweisen: Jugoslawische Ethnographie

,, Das Volk und seine Schätze"- Die Entwicklung der ethno-graphischen Museen in Istrien nach dem Zweiten WeltkriegLidija Nikočević

Es ist März 1946. Die Zeit der österreichischen Herrschaft ist fastvergessen, ebenso sind auch die schmerzlichen Erfahrungen desErsten Weltkriegs fast verblasst. Aber die Erinnerungen an die Zwi-schenkriegsherrschaft Italiens, welches Istrien annektiert hatte, sindnoch wach. Italiens Politik gegenüber Istrien, insbesondere in den30er Jahren des 20. Jahrhunderts, zeichnete sich durch Aus-schließung und Intoleranz gegenüber der Kultur der slawischenBevölkerung in Istrien bzw. gegenüber der Legitimität in Schule,Sprache und anderen öffentlichen Angelegenheiten aus. Wie invielen anderen Teilen Europas eskalierten auch in Istrien währenddes Zweiten Weltkrieges die Aufstände der lokalen Volksbefreier"gegen die Vertreter des damaligen faschistischen Regimes. Die,, Volksmacht feierte euphorisch ihren Sieg, aber in Istrien musste zuBeginn des Jahres 1946 noch die Grenze zwischen Italien und derneugegründeten Republik Jugoslawien festgelegt werden. Aus die-sem Grund sollte eine Kommission mit Mitgliedern aller vier alliiertenMächte( Amerikaner, Briten, Russen und Franzosen) Istrien besu-chen, um die Grenze festzulegen. Ob diese in der Nähe von Rijeka,Labin oder Pula sein würde oder ob sogar Triest Jugoslawien zufallenwird, hing von der Entscheidung dieser Kommission ab. Die Zeitun-gen waren voll von Texten über die Ankunft und die Arbeit derKommission:

,, Ganz Istrien erwartet Sie mit offenen Armen. Das große slawischeHerz zeigt brüderliche Gastfreundschaft und tiefe Achtung euch, denVertretern der Alliierten, gegenüber.... Ihr werdet durch unsere Dörferund Städte ziehen und die Stimmung des Volkes kennenlernen. Indiesem kleinen Land werdet ihr ein Volk antreffen, welches jahrhun-dertelang für seine ethnische Freiheit kämpfte. Dieses kleine Land,welches Ihr besucht, ist ein Teil der slawischen Welt. Als solches hates eine schwere und leidvolle Geschichte hinter sich. Es war Knechtin den Händen der Fremden, auf Grund des ungerechten und schänd-lichen Vertrags von Rapalla[ 1920, A.d.V.] den italienischen Okkupa-toren in die Hände gefallen. Seit dieser Zeit war uns unserenationale Freiheit geraubt. Wir durften uns nie öffentlich als Kroaten

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