Sichtweisen: Österreich- Mythen in Istrien
Lidija Nikočević, Nevena Škrbić
Kreieren ,, der Anderen": mit diesem Syntagma könnte man die Vor-stellung zusammenfassen, welche die Österreicher von den Einwoh-nern Istriens während ihrer Anwesenheit in dieser Region schufen.Interpretation der Wirklichkeit war der Widerschein des politischenKontextes und der Machtverhältnisse in der österreichisch- ungari-schen Monarchie. Auf der anderen Seite, auch diejenigen, überwelche man herrschte, hatten ihre besondere Meinung über diesesVerhältnis.
Deshalb hat dieser Text, der Segmente der gemeinsamen Geschich-te von Istrien und Österreich vorstellen möchte, zwei Teile: mit demersten versucht man Antwort auf die Frage zu geben, was Istrien,eine der ärmsten Provinzen unter der Krone von Kaiser Franz Joseph,für Österreich bedeutete, und was Österreich von Istrien bekommenund genommen hat- sowohl auf konkreter als auch auf symbolischerEbene. Der andere Teil des Textes möchte darauf verweisen, wasdie österreichische Herrschaft in Istrien hinterlassen hat, und wie siedas traditionelle Leben der Einwohner Istriens beeinflusste. DieseEinflüsse waren in vielen Segmenten der traditionellen Kultur Istriensbemerkbar, worauf das Zitat aus Gologorica verweist:„ Es gab keinHaus, in das damals Österreich durch Bücher, durch Dokumente,durch irgendwelches Werkzeug nicht hereingekommen wäre." Bewe-gungen aus dieser Periode kann man mit der kernigen Sprache derWirtschaftshistoriographie und der neuen Zivilisationserrungen-schaften, die nach relevanten historischen Texten- grundlegendeVeränderungen in das istrische Gebiet gebracht haben. Die Texteder Fachleute, die auch ein Teil dieser Publikation sind, illustrierendas Beispiel der Gestaltung des Katasters und der Innovationen inder Landwirtschaft.
In Gesprächen mit Leuten in Istrien über die österreichische Herr-schaft bekamen Ethnologen überall ähnliche, fast stereotype Antwor-ten. Bald sahen sie ein, dass es sich um einen„ Österreich- Mythos"handelt, mit einer erkennbaren Rhetorik und gleichartigen Formenauf dem ganzen Gebiet Istriens.„ Österreich nahm wenig aus demVolk und respektierte alle Sprachen; man konnte in die Schule gehen,in die man wollte",„ Von 100 Kronen, die aus Istrien nach Wiengegangen sind, kamen 104 Kronen zurück." Oder:„ Österreich be-schäftigte sich mit dem Land und vernachlässigte es nicht", das sind
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