Vorwort
Der österreichische Preisträger für europäische Literatur, Fulvio To-mizza, läßt in seinem Roman„ Eine bessere Welt", den er in seinemGeburtsort Materada unweit von Buje ansiedelt, aus dem Blickwinkeleines Mesners, der neun Pfarrer„ überlebt“, nicht nur das wechsel-volle Schicksal eines istrischen Dorfes, sondern pars pro toto diewechselvolle Geschichte Istriens des nun bereits vergangenen20. Jahrhunderts lebendig Seine letzten Eintragungen macht derMesner im Jahr 1974. Das Ende der Tito- Ära und die nachfolgenden,schrecklichen kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan,die zum Zerfall Jugoslawiens, aber auch zu einem Erwachen einesneuen, europäischen Selbstbewusstseins in Istrien führte, blieb ihmfreilich erspart. An dem Resümee des Autors, das er an das Endeseiner Präambel zu diesem Roman stellt, hätten diese letzten Jahr-zehnte allerdings kaum etwas geändert:
,, Wie wenig, so sagte ich mir, zählte hier doch eine dreihundertjährigeGeschichte von Kriegen, Seuchen, Invasionen und Völkerwanderun-gen. Vielleicht deshalb, weil all diese Ereignisse langsam von derungeschriebenen Geschichte des Alltags verdrängt wurden, die ausLiebe besteht und Verrat, verdrängt wurden von Entbehrungen undFesten. Und eben diese Geschichte war es, die mich interessierte."Und in der Tat, dieser Roman läßt sich wie eine ethnographischeStudie lesen. Fulvio Tomizza schafft aus der Distanz des nach TriestÜbersiedelten eine vom eigenen Jugenderleben getragene subtileDarstellung dörflichen Lebens von Istrien.
Diesem einzigartigen Reiz der Landschaft, der Kultur, besondersaber der auf so engem Raum lebenden Volksgruppen galt auch dasInteresse der zu Ende des 19. Jahrhunderts erwachenden Ethno-graphie. Als es 1895 zur Errichtung des Museums für österreichischeVolkskunde kam, rückte selbstverständlich auch Istrien in den Blick-punkt des ethnographischen Interesses der Museumsgründer. Ins-besondere Michael Haberlandt, der durch seine Frau auch verwandt-schaftliche Bindungen zum Küstenland um Görz hatte, war bestrebt,Sachzeugnisse aus Istrien zu erwerben. Ihm ging es darum, aus allenTeilen der österreichischen Monarchie Vergleichssammlungen zu-stande zu bringen, um die Vielfalt und Eigenheit der künstlerischenÄußerungen der einzelnen Sprachnationen zeigen zu können. DieErgebnisse seiner Erwerbstätigkeit präsentierte er zunächst in denMuseumsräumlichkeiten im Börsegebäude an der Ringstraße undab 1917 im eigenen Museum für Volkskunde im GartenpalaisSchönborn im VIII. Wiener Gemeindebezirk. Später machte er die
11