Sichtweise: Ethnographischer Blick II
Einmal Vergangenheit und zurück...
Elke- Nicole Kappus
Istrien gehört, so klein es ist, in ethnographischer Hinsicht zu deninteressantesten Ländern der österreichisch-ungarischen Monar-chie.( Moser 1909)
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Istrien zunehmend zumReiseziel der wohlhabenden Gesellschaft der Monarchie. Aufgrunddes milden Klimas und der rauhen Schönheit der Natur schien dienordadriatische Halbinsel damals wie heute ein idealer Ort, um demLärm der Städte und der Unruhe des Alltags zu fliehen. Die Fahrtnach Istrien war- dank des Ausbaus des österreichischen Eisen-bahnnetzes- relativ einfach- I und vor allem für jene Reisenden,welche über Triest reisten, voller spektakulärer Gegensätze: DerFreihafen der Monarchie galt als Inbegriff der schnellen, wandelba-ren ,, modernen' Welt; von Istrien dagegen wurden die Reisendennicht müde, zu betonen, das Leben habe sich hier seit Jahrhundertennicht verändert. In dem Maße, in dem gerade Triest, das seine, Kulturdem Kommerz vermacht hatte, zum Sinnbild der modernen Entfrem-dung und Dekadenz wurde, erschien Istrien als ein Ort des Natürli-chen, des Authentischen, des Erdverwurzelten. Eingeschrieben indiese für die Jahrhundertwende so typische Dichotomie von Traditionund Moderne, wurde Istrien zu einem Ort, der die nostalgischenIdeale der damaligen Zeit ebenso anzog, wie er die Befürworter derModerne- für die Triest eine vielversprechende, moderne Zukunftverkörperte als Inbegriff des, Hinterwäldlerischen' abschreckte.Die Ethnographen, die seit Mitte des Jahrhunderts Istrien durchrei-sten und durchwanderten, waren- mehr noch als von der Natur unddem Klima- von der Vielfalt der Kulturen, der Sprachen und Lebens-stile angetan. Noch zur Jahrhundertwende wurden hier mit Begeiste-rung dreizehn„ ethnographische Nuancen" 2 festgestellt. Und nur
1„ Eine Höllenstadt, die Herzen und Gewissen zum Verkauf stellt... und-heute ausInteresse, morgen aus Feigheit, ihren Ursprung und ihre Nationalität verleugnet",beschreibt Ressman 1854 Triest( Apih 1988, S. 47).
2,, Wir finden die Städte und die Küste bewohnt von Italienern, welche theils directeNachkommen der römischen und mit den Aborigiern vermengten Kolonialisten,theils die Söhne italienischer Einwanderer sind; die nördlichen Landschaften besetztvon Slowenen, welche wieder in Savriner und Berchiner zerfallen, den südlichenLandestheil angefüllt mit einem Gemengsel von slawischen Ansiedlern aus allen
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