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Die Synagoge ist kein Sakralraum an sich. Erst durch den Vollzugdes Gottesdienstes erhält sie Würde und Weihe. Sie ist vor allemdas„ Haus der Versammlung, der Zusammenkunft"- Beth Ha-knesset. Synagogen sind als soziale Zentren im weitesten Sinn zubetrachten. Gemeindeverwaltung, Leichenfeiern, politischeVersammlungen und der Vollzug von Rechtsakten sind hier wahr-zunehmen. Doch ihre treffendste Bezeichnung erhielt sie im jüdi-schen Volksmund, wo sie„ Schul", also Schule heißt. Der Puls desJudentums schlägt am lebendigsten dort, wo, gelernt wird. DieSynagoge ist der Kristallisationspunkt der Gelehrsamkeit und desDisputes. Man nützt jede Möglichkeit um zu lernen; am Sabbatund am Feierabend nach der Arbeit versammelt sich eine Gruppeund beginnt unter dem Vorsitz desjenigen zu lernen, der sich be-rufen fühlt, die Leitung zu übernehmen. Jüdischer Gottesdienst istweder an geweihte Stätten noch an geheiligte Personen gebun-den. Er kann überall und von der ärmsten Gemeinde vollzogenwerden. Die Gläubigkeit manifestiert sich in Gebet, Belehrungund symbolischer Handlung.
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Zygmunt AJDUKIEWICZ
Ein polnischer und ein ruthenischer Knabe bei einerGewandtrube
sig.„ A.Z."
Tuschzeichnung
13,5 cm x 20,1 cmPk 1131/29
Lit.: ÖUM, 522
Diese Zeichnung bildet den Schluß für den volkskundlichen Ab-schnitt des Kronprinzenwerkes und versinnbildlicht mit den beidenKnaben zugleich den polnischen und den ukrainischen( rutheni-schen) Teil des Kronlandes Galizien. Die Gewandtruhe ist ein Mö-belstück, das sich in den Häusern der reicheren Bauern in beidenTeilen des Kronlandes findet. Sie steht in der„ komora“, dem Spei-cher des polnischen Gehöfts, wo sich die Lebensmittelvorräte undSamen sowie die Truhen mit dem Feiertagsstaat, den Kostbarkeitenund dem Geld befinden. Und sie ist gleicherweise Inventar der" pe-karnia", der Wohnstube mit Backofen, des ruthenischen Gehöfts. Ander Wand gegenüber der Eingangstür steht die aus hartem Holz an-gefertigte, auf vier Füßen ruhende große Truhe,„ skrynia“. In kleine-ren Bauernhütten dient sie, in bescheidenerer Ausführung, gleich-zeitig als Tisch. In der aufwendigeren Version ist sie mit einem ausHolz geschnitzten Muster oder mit einer auf rothem oder dunkel-nuẞfarbenem Grunde schwarz oder weiß aufgetragenen Zeichnungverziert, während die Kanten der Truhe mit blauen, grünen oder gel-ben Streifen bemalt sind." Sie ist vor allem zur Aufbewahrung vonKleidungsstücken bestimmt.( ÖUM, 268 und 393)
Im vorliegenden Bild erscheint die Vorderfront der Truhe mitBlattornamenten beschnitzt, der aufgeschlagene Deckel ist mitBildchen geschmückt.
Die beiden Kinder sind in der jeweiligen Landestracht abgebildet.Der kleine Ruthene, der unmittelbar neben der Truhe steht, istmit einem über die Hosen fallenden Hemd und dem Strohhut be-kleidet; der kleine Pole, in der repräsentativen Tracht der Krako-wiaken, trägt die„ sukmana“ aus weißem Tuch mit Gürtel, dazuhohe Schaftstiefel und die unerläßliche„ krakuska" auf dem Kopf.
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Julian MAKAREWICZ
Hausindustrielle Gegenstände aus Galizien: strohgedecktesTor, Teppich, Ton- und Holzgefäße etc.
sig. J. Makarewicz"
Tuschzeichnung
26,9 cm x 19,5 cmPk 1131/1367
Lit.: ÖUM, 523
Gleichsam wie in einer Ausstellung, man könnte es auch Ver-kaufsausstellung nennen, präsentiert Makarewicz auf dieser Vig-nette die Erzeugnisse der galizischen Hausindustrie.
Tatsächlich war während der land- und forstwirtschaftlichenAusstellung des Jahres 1890 in Wien eine selbständige Gruppe fürdie Hausindustrie Österreichs eingerichtet mit einem speziellenPavillon für die gesamte Hausindustrie aller Länder Österreichs.Aus dem Programm zitiert Wladimir Graf Dzieduszycki die dama-lige Definition für Hausindustrie:
,, Als Hausindustrie ist jene Productionsform aufzufassen, in wel-cher der Landbewohner in oder bei seiner Wohnstätte neben derland- und forstwirthschaftlichen Berufsthätigkeit Gegenständedes eigenen Bedarfes für den Haushalt und die Kleidung( oder Ar-tikel zum Verkauf, die sonst Objecte der gewerblichen oder indu-striellen Betriebsamkeit sind) herstellt. Die Mitglieder seiner Fa-milie sind seine Hilfsarbeiter. Lohnarbeiter treten nur ausnahms-weise hinzu. Jene in die land- und forstwirthschaftlichen Neben-gewerbe fallenden Erzeugungen, die nicht auf Kosten und Gefahreines anderen, des Großgrundbesitzers, sondern auf Risico desHausindustriellen fallen, gehören auch hierher."( ÖUM, 524)Das strohgedeckte Eingangstor aus der Umzäunung eines Bau-erngehöftes umrahmt das Angebot an Gegenständen und sprichtdie hausindustriellen Erzeugnisse aus Stroh an.- Das wichtigsteProdukt aus diesem Material ist die Strohbedeckung des Hausda-ches. An ihrer Herstellung ist fast die gesamte Familie beteiligt.Aus Stroh gefertigt ist auch der Hut im Vordergrund.„ Die zweitegroße Strohhausindustrie ist die Strohhuterzeugung." Der Stroh-hut ist die Kopfbedeckung fast der gesamten ländlichen Bevölke-rung das ganze Jahr hindurch mit Ausnahme der strengen Win-termonate. Die Hüte werden meistens von den Burschen, die dasVieh weiden, geflochten. Form der Hüte wie Art des Geflechtessind sehr verschieden.( ÖUM, 535) Vor dem strohgedeckten Torist ein Bauernteppich, ein„ kilim"( Kelim) aus Ostgalizien aufge-hängt und einer auf dem Boden ausgebreitet.„ Kilimki“ zu webenund zu gebrauchen, geht auf orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Einfluß zurück. Siewerden besonders in jenen Gegenden hergestellt, wo orientali-sche Glossar ::: zum Glossareintrag sche Kriegsgefangene angesiedelt wurden, wie in Zbaraż, Toki,Załoście usw. und in großen Teilen Podoliens, wohin die aus mu-selmanischer Gefangenschaft zurückgekehrte Bevölkerung denGebrauch, die spezielle Webtechnik und die entsprechenden Mu-ster mitgebracht hat. Bei der Herstellung der„ kilimki" in Galizienhaben sich im Laufe der Zeit bestimmte Muster ausgebildet undTraditionen wurden weitervererbt. Nachfrage und gezielte Kun-denwünsche führten gelegentlich zu Veränderungen in Musterund Farbe. Diese Teppiche dienen dem Bauern als Bett oder zurBank-, Wagen-, Schlitten und Tischbedeckung, letztere bei Fest-lichkeiten, oder zum Schmuck der Kirche. In manchen Gegendenist die Kelimweberei bereits zum Kleingewerbe geworden.( ÖUM,530-532) Weitere Schaustücke sind graue Tongefäße, unglasiertesgraues Geschirr,„, siwaki“, hier vor allem Töpfe. Auf der Bank stehtder für Ostgalizien charakteristische Doppeltopf:„ bliźniaki“. ZweiKochtöpfe stoẞen am Bauch zusammen und sind am oberen Randdurch einen Henkel miteinander verbunden. Sie dienen zumTransport von zweierlei Speisen zu den am Feld Beschäftigten. DieTonindustrie hat einen wichtigen Stellenwert, da sämtlicheHaushaltsgeräte wie Kochtöpfe, Schüsseln etc. aus Ton hergestelltwerden. Das Grundmaterial Ton ist im ganzen Land reichlichvorhanden. Es sind prinzipiell zwei Arten von Erzeugnissen zuunterscheiden: glasierte und unglasierte Ware, die sich aber inunwahrscheinlich reichen Spielarten von Form, Glasur und Orna-mentik entfalten.( ÖUM, 532-534) Erzeugnisse aus Holz gehörenebenfalls zum Programm der Hausindustrie. Ein Kirchenleuchteraus Holz und vor allem die mit Brandornamentik versehenen Ge-fäße, wie Bottiche und ein Faß, sind die Vertreter für ein breitesund mannigfaltiges Angebot an Haus- und Wirtschaftsgeräten.Dabei darf auf den Bau von Häusern und Wirtschaftsgebäudensowie deren Einrichtung, auf die Wagen und Ackerbaugeräte etc.nicht vergessen werden.( ÖUM, 534) Das Netzen von Fischerei-geräten im Hausbetrieb wird durch eine in der Breite des Toresaufgespannte Fischreuse angedeutet, im Text aber nicht weiterausgeführt, um eine zu starke Spezialisierung zu vermeiden.Flankiert wird die Schau der Erzeugnisse von zwei Frauen beimSpinnen mit der Kunkel( dem Spinnrocken). Links eine Frau im