Redaktionelle Bemerkungen
Vor die Aufgabe gestellt, sich mit der Geschichte undEthnographie Galiziens auseinanderzusetzen, ist man gleich ein-gangs mit einer Fülle von Bezeichnungen ethnischer Gruppen kon-frontiert, deren unterschiedliche Wertigkeit irritiert. Welche„ Ein-heiten" hat man vor sich? Kleinere, benannte Gruppen polnischeroder ukrainischer Nationalität, ethnische Minderheiten aus einemanderen Volk, Lokalgruppen oder gar Stämme? Tatsächlich unter-scheidet die polnische Ethnographie vier Kategorien: 1. Nation,2. Ethnische Gruppe, 3. Ethnographische Gruppe und 4. Lokal-oder Berufsgruppe.
Diese Situation spiegelt die ungeheure ethnische Bewe-gung wider, die Galizien wie einen Korridor von Ost nach Westund von West nach Ost durchlief, vor allem in Zeiten, als diesesGebiet nicht Galizien hieß, sondern ein Teil des großen Polen war.Fremde ethnische Gruppen wurden nach Einfällen oft an Ort undStelle in den durch sie entvölkerten Gebieten angesiedelt und in-tegriert, oder es wurden Auswanderungswillige aus Deutschlandangeworben. Im Mittelalter holten die polnischen Könige An-gehörige bestimmter Berufe aus Deutschland und statteten sie mitspeziellen Rechten aus, ebenso führte Schweden wichtige Fach-kräfte dem Land zu. Nach dem Einfall der Tataren im Jahre 1241nahmen die polnischen Könige mit den Deutschen auch Judenaus Deutschland in großer Zahl auf; wie überhaupt aus ganz Euro-pa vertriebene Juden unter dem Schutz der polnischen Krone Hei-mat fanden. Von Osten her waren die Armenier eine sehr geachte-te und durch Privilegien bevorzugte Minderheit. Doch auch sieentgingen nicht dem Druck zur Integration. Die ethnisch- kulturel-le Verflechtung ist sehr eng und als äußerst fruchtbar zu bezeich-nen; sie macht den speziellen Reiz des Landes aus. In allen Aspek-ten des Lebens tritt uns diese Tatsache entgegen, sei es in denTrachten, in den handwerklichen Fähigkeiten oder in den Bräu-chen.
In gewisser Weise wiederholt sich solches in densprachlichen Überschneidungen und Unklarheiten im Band„ Gali-zien" des Kronprinzenwerkes und in der zeitgenössischen ethno-graphischen Literatur. Die Westukraine war polnisch beherrschtesGebiet und die Kodifizierung des Ukrainischen( Ruthenischen)war zu dieser Zeit noch nicht abgeschlossen. Einer doch als man-gelhaft zu bezeichnenden Redaktion der Fremdwörter im deut-schen Text entgingen Wortformen, die zum Teil schlecht übersetztund zu deutschen Worten gemacht wurden, wie z.B.„ Sukmane",aus„ sukmana"( Bauernmantel) oder„ Kaftan“, ein Ausdruck, derdirekt aus dem Polnischen übernommen wurde und dort auch dieknielange, ärmellose Jacke, die die männliche Bevölkerung in undum Krakau trug, bezeichnet. Die allgemeine Assoziation zu diesemWort ist die orientalische Glossar ::: zum Glossareintrag orientalische Bekleidung der jüdischen Männer in Mit-tel- und Osteuropa. Zusätzlich divergieren die Schreibweisen inden zeitgenössischen Werken, wie es in den Zitaten deutlich wird.Die Beiträge der Autoren des„ Galizien"-Bandes des Kronprinzen-werkes wurden teilweise aus dem Polnischen übersetzt und teil-weise von den polnischen und ukrainischen Autoren in deutscherSprache verfaßt. Der Band„ Galizen“ entstand neun Jahre nachdem Tod des Kronprinzen; vielleicht mangelte es zu dieser Zeit be-reits an der besonderen Sorgfalt der Redaktion durch den Kron-prinzen selbst, wenngleich die Qualität der Arbeit nunmehr durchUniversitätsprofessor Heinrich von Zeißberg als Chefredakteurund Josef Böck, den ständigen Sekretär, während der 18 Jahre derEntstehung des Werkes gesichert sein sollte.
Sprachliche Probleme treten auch in anderen Aspektenhervor, z.B. in einem inkonsequenten, gleichzeitigen Gebrauchvon deutschen und fremden Ortsnamen. Die Ausdrucksweise desspäten 19. Jahrhunderts bei der Betitelung der Bilder macht inmanchen Fällen eine Übertragung in eine moderne Sprache nötig.
Es gelingt nicht immer, sich aus diesen zeitlichen Gegebenheitenzu lösen, wenn die Darstellung der Fakten die Einhaltung des Zeit-horizontes erfordert.
Diese Voraussetzungen stellten eine spezielle Proble-matik beim Verfassen des Textes zu diesem Katalog bzw. zu dessenin die polnische Sprache übersetzter Ausgabe dar( Galicja w obra-zach z kolekcji Następcy Tronu Arcyksięcia Rudolfa. Wystawa zezbiorów Austriackiej Biblioteki Narodowej. Lwów- KrakówWiedeń, 1996-1997. Kraków 1996). Allerdings wurde der Text beider polnischen Übersetzung durch das Nationalmuseum in Kra-kau redigiert und zum Teil verändert und stark gekürzt.
Kritisch zu betrachten sind auch die anthropologi-schen Aussagen, die die naturwissenschaftlichen Forschungs- undErkenntnisgrenzen der Zeit nicht zu überschreiten vermochtenund der Untermauerung von Ideologien dienten.
Ein von höchster Stelle initiiertes Werk kann denAnspruch der Macht und das Einfließen der entsprechenden Ideo-logie nicht ganz verleugnen, wenngleich der Kronprinz durch dieLauterkeit seiner Intention zur völligen Gleichbehandlung allerVölker seines Reiches diesen Vorwurf gar nicht aufkommen lassenwollte.
Manche markante Erscheinungen des Volkslebens wieder Räuberheld der Goralen, Janosik, fanden keine Berücksichti-gung in dem Werk. Ebenso ist die Kultur der in Polen sehr breitenAdelsschicht( szlachta) ausgeblendet.
Insgesamt wäre der 906 Seiten starke Band„ Galizien"noch nach vielen Gesichtspunkten zu durchleuchten, nicht zu-letzt wären die hochwertigen Bildvorlagen einer kunsthistori-schen Betrachtung zu unterziehen. In der relativ kurzen Zeit, diemir für die wissenschaftliche Arbeit und die gesamte, komplizierteOrganisation( einschließlich Versicherung und Transport zu undvon den drei Ausstellungsorten Lemberg, Krakau und Wien) zurVerfügung stand, konnte ich mich lediglich an den Zeithorizontdes Werkes mit der entsprechenden Literatur halten. Auch ver-schiedene Problemstellungen, wie wirtschaftlich- soziale oder po-litisch- ideologische, konnte ich nicht einbeziehen. Mein Bemühenzielte auf die verbale Vermittlung der Bildinhalte und das Gewin-nen der Aufmerksamkeit und des Verständnisses für eine unsheute nicht mehr vertraute Region und deren Bevölkerung, diemitten in Europa, räumlich viel näher liegt, als es uns die Politikder zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewußt werden ließ.
Das Kronprinzenwerk hat mein Wissen und meineKenntnis von den Volksgruppen im ehemaligen Galizien vielfältigvertieft. Es war mir Anlaß, die dort beschriebenen Orte und Regio-nen zu bereisen, historisch und ethnographisch interessante Stät-ten zu besuchen. Mit Freude konnte ich diese auffinden. Das Werkhat sich tatsächlich als zuverlässige Quelle, nicht nur für eine Reisein das 19. Jahrhundert, sondern auch in unserer Zeit erwiesen.
Es ist mir ein Bedürfnis, an dieser Stelle all jenen zudanken, die mir den Eintritt in die vielgestaltige ethnographischeWelt Galiziens erleichterten, wie dem Vizedirektor des Ethnogra-phischen Museums in Krakau, Dr. Andrzej Rataj, und Dr. HalinaBittner- Szewczyk, einer ehemaligen Mitarbeiterin dieses Mu-seums. Ebenso wichtig ist mir der Dank am meine Kollegin Mag.Eva Hüttl- Hubert, Referentin für Slawistik an der ÖsterreichischenNationalbibliothek, die mich bei der Endredaktion des Katalog-textes und Korrekturarbeiten tatkräftig unterstützte.
Für die Hilfe beim Erstellen und Aktualisieren einerKarte von Galizien gilt mein herzlicher Dank dem Kartographendes Österreichischen Ost- und Südosteuropa- Institutes, Mag.Florian Partl. Nicht zuletzt aufrichtigen Dank an meine Kollegenaus der Porträtsammlung der Österreichischen Nationalbiblio-thek, Manfred Hennerbichler für die Vorbereitung der originalenBildvorlagen zur Ausstellung sowie Mag. Uwe Schögl für die Anfer-tigung der Photographien.
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