Die Porträtsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
GERDA MRAZ
,, Porträtsammlung, Bildarchiv und Fideikommiẞbi-bliothek“ ist die nahezu barock klingende, aber dzt. gültige Be-zeichnung einer wichtigen Sammlung der ÖsterreichischenNationalbibliothek, die- historisch gesehen- aus zwei Teilenbesteht. Der rezente Teil ist das Bildarchiv, eine über eine Milli-on Negative aus allen Zeiten der Photographie umfassendeSammlung. Die beiden anderen bilden seit jeher eine Einheitund gehen auf das persönliche Interesse und die privaten An-schaffungen des Großprinzen von Toscana und ErzherzogsFranz zurück, der ein Enkel Maria Theresias war und später alsKaiser Franz II. das Ende des Heiligen Römischen ReichesDeutscher Nation erlebte bzw. als Franz I. von 1804 bis zuseinem Tod im Jahr 1835 die Herrschergeschäfte in dem neukreierten Kaisertum Österreich weiterführte.
Der Kaiser war ein echter Bücherliebhaber und sam-melte zudem im großen Stil Druckgraphik, wobei seine beson-dere Vorliebe den Portraits galt. In seinem Testament vereinig-te er die Vielfalt des Erworbenen in einem sogenannten Primo-genitur- Fidei- Kommiß, einer Rechtsform, die die Unteilbarkeitund Unveräußerlichkeit dieses Privatbesitzes festlegte. Präzi-siert wurde dies durch den jungen Kaiser Franz Joseph im Jahr1849: Sämtliche Bücher, Handschriften, druckgraphische Blät-ter, Handzeichnungen, Landkarten und Familienportraits( so-weit sie nicht Staatsbesitz waren) und auch das Mobiliar derPrivatbibliothek wurden für immer zum Eigentum der männli-chen Nachkommen nach dem Prinzip der Erstgeburt erklärt.Nicht betroffen waren von dieser Regelung- das sei ausdrück-lich betont die ärarischen( staatlichen) Bestände der Hof-bibliothek. Auch in der Folge trachtete man, die privaten Er-werbungen der Familienmitglieder diesem Fundus einzuverlei-ben. Was zur Folge hat, daß die Sammlung- abgesehen vonden Verehrungen( Geschenken)- das persönliche Interessemancher Familienmitglieder widerspiegelt.
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Ein großer Zuwachs ereignete sich im Jahr 1875, alsder Onkel Franz Josephs, Ferdinand, der als Kaiser eine un-glückliche Rolle gespielt und im Zuge der Revolution des Jah-res 1848 abgedankt hatte, in Prag starb. In 120 Kisten kam nurein Teil der Bibliothek( weil man auf Dubletten zugunsten derUniversitätsbibliothek in Prag verzichtete), dafür aber ein wah-rer Schatz an graphischen Blättern, vor allem Aquarelle mitnaturhistorischem Inhalt, nach Wien. Besonders der Zoologiehatte des Verstorbenen Interesse gegolten. Unter den Büchernverdient ein kleiner Bestand von 200 Bänden Interesse, dieFerdinand von seiner italienischen Stiefmutter geerbt hatte.Diese hatte einst während einer Kur in Karlsbad niemand
Geringeren als Goethe durch ihre eigenständigen Gedan-kengänge und ihr sicheres Urteil in literarischen Fragen beein-druckt, sodaß er sich entschloß, ihr, der Italienerin, eine Biblio-thek mit in seinen Augen wichtigen Werken deutscher Sprachezusammenzustellen.
Zu den eifrigsten Benützern der Bibliothek gehörteKronprinz Rudolf. Nach seinem tragischen Tod im Jahr 1889gelangte auch seine Bibliothek in den Fideikommiß; die über2500 Blätter, die als Vorlage für das monumentale Werk ,, Dieösterreichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild" dien-ten, folgten allerdings erst 1902 nach. Diese Blätter betreffennur den„, cisleithanischen“ Teil der Monarchie, die ungarischenbefinden sich in Budapest. Nach dem Zweiten Weltkrieg wur-den die Blätter durch die Kartei der Porträtsammlung öffent-lich zugänglich, waren aber nie Gegenstand eigener Untersu-chungen und bisher nur in geringstem Maß und noch nie imAusland ausgestellt.
Die Präsentationen der Jahre 1996 in Lemberg und1997 in Krakau waren erste Schritte, die Blätter und das Werk,für das sie geschaffen worden waren, einer größeren Öffent-lichkeit außerhalb Österreichs, nämlich in Ländern, auf die siesich beziehen, zu zeigen. Durch die Ausstellung im Österreichi-schen Museum für Volkskunde soll nun das Werk auch in dasInteresse des heimischen Publikums gerückt werden, wobeinur ein kleiner Teil, eben die Auswahl aus den Galizien betref-fenden Blättern, für das Ganze steht.
Literatur über die Sammlung:
Wilhelm Beetz, Die Porträtsammlung der Nationalbibliothek in ihrer Entwicklung,Graz 1935
Hans Pauer, Die Porträtsammlung und das Bildarchiv. Neue Verpflichtungen ausaltem Erbe. Zwischenbilanz der Porträtsammlung aus Anlaß ihrer Vereinigung mitdem Bildarchiv, in: Die Österreichische Nationalbibliothek. Festschrift hg. zum25jährigen Dienstjubiläum des Generaldirektors Josef Bick von Josef Stummvoll,Wien 1948, S. 165-179
Walter G. Wieser- Robert Kittler, Bilder- Zeugen der Kulturgeschichte. Porträt-sammlung und Bildarchiv, in: Ein Weltgebäude der Gedanken. Die ÖsterreichsicheNationalbibliothek, Graz 1987, S. 261-315
Gerda Mraz, Porträtsammlung und Bildarchiv, in:„ ,, Schatzhäuser Österreichs". DieÖsterreichische Nationalbibliothek, hg. v. Bundespressedienst( Red: Isabella Ackerl),Wien 1995, S. 72-82
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