Das Kronland Galizien und Lodomerien
EMIL BRIX
Am nördlichen Rand des Karpatenbogens liegt einStreifen Land, der in seiner Geschichte zumeist Grenzgebietwar. In der Geschichte der Polen, der Ukrainer und der osteu-ropäischen Juden kommt diesem Raum mit seinen großenStädten Krakau und Lemberg dennoch eine zentrale Bedeu-tung zu. Für die europäischen Großmächte war dieses Gebietnach der Verlegung der Hauptstadt Polens von Krakau nachWarschau am Beginn des 17. Jahrhunderts in erster Linie Auf-marsch- und Kolonisationsgebiet. Von den großen Mächtendieses Teiles Europas, Rußland, Preussen, Österreich und demOsmanischen Reich, die vom 17. bis zum 20. Jahrhundert umdie Vorherrschaft in Osteuropa kämpften, war dieser Raumweit entfernt. Bewohnt wurde er in erster Linie von Polen,Ukrainern und Juden. Aber nationale Zuordnungen beschrei-ben bis heute nicht die ganze Identität seiner Bewohner. Über-all gibt es Übergang: Huzulen, Lemken, und nach 1918 auchMenschen, die sich selbst als„ Galizier“ bezeichnen. Der galizi-sche Zeitraum der Geschichte dieses Raumes dauerte offizielletwa 150 Jahre. Es war die österreichische Herrschaft, die nachden Teilungen Polens, ihrem neuen Herrschaftsgebiet denNamen„ Galizien" gab. Dieser Begriff wurde aber erst nach demEnde des Kronlandes„ Galizien und Lodomerien" und der Auf-lösung der Habsburgermonarchie als Erinnerung an einen ge-meinsamen Raum mit verschiedenen Sprachen, Religionenund einem Horizont vom jüdischen„ Stetl“ bis zur königlichenStadt Krakau populär.
Bei der aktuellen Wiederentdeckung der GeschichteMitteleuropas tauchen Themen und Mythen auf, die dem mo-dernen nationalstaatlichen Denken widersprechen. Dennochkann ihre Untersuchung oft mehr über die aktuelle Situationeines Raumes und seiner Bewohner aussagen als dies politischeKommentare über die zukünftige Architektur Europas können.Ein solches Thema ist Galizien. Sein westlicher in Polen gelege-ner Teil heißt heute„ Kleinpolen“, sein östlicher Teil bildet dieWestukraine". In beiden Regionen wird heute wieder über dieBedeutung Galiziens für die jeweilige regionale Identität nach-gedacht und geschrieben. Knapp 150 Jahre( 1772-1918) stan-den diese Gebiete als„ Königreich Galizien und Lodomerien"unter österreichischer Herrschaft.
Galizien ist ein faszinierendes Thema. Dies machtseine kritisch- wissenschaftliche Bearbeitung schwierig. Litera-ten schreiben über die untergegangene Welt der Vielfalt. Publi-zisten machen sich auf die Suche nach der Kultur des galizi-schen Judentums. In Krakau und Przemyśl wurden die Bildervon Kaiser Franz Joseph nicht weggeworfen, sondern sorgsam
aufbewahrt. Nostalgie wird für manche zur Lebensmaxime. Ga-lizien wird in der Westukraine und in Südpolen zur„ gutenalten Zeit". Wie konnte es zu dieser Galizienmode kommen?Meine Ausführungen sollen einige Hinweise auf das„ Zivilisati-onsphänomen" Galizien geben und versuchen, die Frage zu be-antworten, wieso eine Ende des 18. Jahrhunderts von außenkünstlich geschaffene Region, in der drei sehr unterschiedlicheethnische Gruppen siedelten und die am Ende ihres Bestandesals ein„ Armenhaus Europas" galt, heute noch eine identitäts-stiftende Wirkung haben kann.
Karl Emil Franzos gab seiner Sammlung von Ge-schichten aus Galizien und den Nachbarregionen den Titel„ Aus Halbasien". Ivan Franko und später Joseph Roth folgtendiesem Urteil, wenn sie über die Zivilisation in Galizien spra-chen. Alle drei Literaten waren sich aber auch darin einig, daßsich die Situation dieses Raumes seit der Eingliederung in dieHabsburgermonarchie grundsätzlich geändert hatte. Galizienwurde zur fernen Provinz und gleichzeitig nahen Vorstadt vonWien. Die liberale und rechtsstaatliche staatliche Verwaltungnach 1867 sowie die Einbindung in das immer enger werden-de Verkehrsnetz des Vielvölkerstaates verstärkten vor allem inden letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie die Verbin-dungen mit Wien und damit auch mit der kulturellen Welt derWiener Jahrhundertwende. Zivilisatorisch und kulturell wurdeWien attraktiv, für manche zum Ort ihrer Ausbildung, für man-che zum Ort der Erlösung. Nach Wien reisten vor allem jüdi-sche Emigranten, Studenten aus allen ethnischen Gruppensowie Personen, die regelmäßig am kulturellen Leben in derHofoper oder im Kaffeehaus teilhaben wollten, und Beamte,Militärs, Politiker und Wirtschaftstreibende. In Galizien selbstwar Wien vor allem durch die österreichischen Zeitschriftenund Zeitungen präsent. Zumindest im Bürgertum aller natio-nalen Gruppen erfolgte die Rezeption des Weltgeschehensüberwiegend durch das Prisma der Wiener Zeitungen. ManesSperber schreibt in seiner Autobiographie, daß er als Kind vordem Ersten Weltkrieg regelmäßig seinem sehbehindertenGroßvater die Wiener„ Neue Freie Presse" vorlesen mußte. Unddas geschah in einem scheinbar weltabgeschiedenen, kleinengalizischen Städtchen nahe der Grenze zur Bukowina.
Die Geschichte„ Galiziens" wird bis heute aus polni-scher, ukrainischer, jüdischer und österreichischer Perspektiveunterschiedlich gesehen. Es gibt darüber hinaus zumindestzwei rivalisierende Bilder über die galizische Lebenswelt be-sonders der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie. Indem einen Bild wird Galizien als Inbegriff einer armen, sozial
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