Galizien in Bildern
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eine Volkskunde vor der Volkskunde
Nachdem sich im Dezember 1894 in Wien der Verein für Volkskunde konstituiert hatte, entstanden im Jahr darauf inLemberg unabhängig von einander zwei weitere wissenschaftliche Gesellschaften mit der gleichen Zielrichtung: die Ethnographi-sche Sektion der ukrainisch- ruthenischen Ševčenko- Gesellschaft und die polnische Ethnographische Gesellschaft„ Lud". Dieseauffallende Parallelität findet ihre Entsprechung in ganz Europa: In allen Landeszentren entstehen gegen Ende des 19. Jahrhun-derts ähnliche wissenschaftliche ethnographische Institutionen. Ihr Ziel ist es, die kulturellen Äußerungen und Besonderheitender einzelnen Völker zu erfassen und zu dokumentieren, um damit einen Beitrag zur Stärkung der eigenen nationalen Identitätund zum besseren gegenseitigen Verstehen zu leisten. Ihren sichtbaren Niederschlag finden diese Bemühungen zur Sicherung desnationalen Erbes in der Gründung von ethnographischen Zeitschriften und Volkskundemuseen.
Einen wesentlichen Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung der nationalen Ethnographien bildet dabei„ Die öster-reichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild". Was Kronprinz Rudolf 1884 in seinem Promemoria an den Kaiser als Absichts-erklärung formulierte, war nach 19 Jahren intensiver Arbeit Wirklichkeit geworden: ,,.. ein großes ethnographisches Werk, welchesauf der Höhe der gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschung stehend, mit Zuhilfenahme der sehr vervollkommneten künstleri-schen Reproduktionsmittel, anregend und belehrend zugleich, ein umfassendes Bild unseres Vaterlandes und seiner Völkerstäm-me bietet..." In dieser 24 Bände umfassenden enzyklopädischen Länderkunde der Monarchie erhalten wir Kenntnis über diephysische Beschaffenheit der den einzelnen Volksgruppen zugehörigen Menschen, über ihre Behausungen, ihre Trachten, Sittenund Gebräuche, über ihre Volkslieder und Tänze. Es handelt sich also gewissermaßen um eine Volkskunde vor der Volkskunde undes kommt nicht von ungefähr, daß der Gründer des Österreichischen Museums für Volkskunde, Michael Haberlandt, bei seinenBemühungen um eine Verstaatlichung darauf verweist, daß das Museum für Volkskunde in Wien genau jenen Intentionen folge,die dem ,, Kronprinzenwerk" zugrunde liegen. Das Museum in der Laudongasse stellt geradezu eine dreidimensionale Wiedergabedes„ Kronprinzenwerkes" dar. Was aus heutiger Sicht so fasziniert, ist, wie sehr die ehemaligen Protagonisten untereinander inregem Gedankenaustausch standen. Am Beispiel Galizien läßt sich das überaus eindrucksvoll verifizieren.
Dazu bot sich im November 1996 in Lemberg eine erste Gelegenheit. Anläßlich der Präsentation der Ausstellung,, Galizien in Bildern“ fand ein begleitendes Symposium unter dem Titel„ Ethnographie ohne Grenzen“ statt, an dem Kollegen undKolleginnen aus der Ukraine, aus Polen, Rumänien, Ungarn, der Slowakei und aus Österreich den gemeinsamen Wurzeln und denehemals engen Verbindungen der Volkskunde während der Zeit der Monarchie nachgingen.
Hiezu nur ein kurzes Streiflicht: Im ersten Band der Zeitschrift für österreichische Volkskunde für das Jahr 1895 findetman nicht nur eine Übersicht über die aktuelle ethnographische Literatur aus Galizien, sondern er enthält auch einen Bericht überdie ethnographische Abteilung auf der Landes- Ausstellung zu Lemberg im Jahre 1894, den die aus Trzebinia stammende LehrerinAdele Pfleger liefert. Zu diesem Anlaß hatte man, sicher nach dem Vorbild der Weltausstellung in Wien oder auch der Millenniums-ausstellung in Budapest, ein ethnographisches Dorf errichtet, dem das besondere Interesse der Berichterstatterin gilt.„ Beim Ver-lassen des Dorfes" schreibt sie,„ kommen wir an einer ehrwürdigen Bildsäule vorbei, an deren Fuß ein Greis sitzt, der einer violin-artigen Drehorgel uns unverständliche Weisen entlockt." Genau dieses Motiv hat Zygmunt Ajdukiewicz in einer Ölskizze für dasKronprinzenwerk festgehalten. Mit diesem zufälligen Hinweis erhalten wir aber schlaglichtartig einen Hinweis auf den Stellenwertdes Bildmaterials im„ Kronprinzenwerk". Nicht nur daß damit hinfort eine für Galizien typische Ästhetik geschaffen wurde, han-delt es sich bei den Bildern bereits um die Wiedergabe ethnischer Klischees.
Es ist daher überaus verdienstvoll, daß dieses Material wieder in das allgemeine Bewußtsein gerückt und einer neuen Be-wertung unterzogen wird. Wem ist schon bekannt, daß die Originale, die eine unvergleichlich stärkere Faszination ausstrahlen als diexylographischen Wiedergaben, in der ehemaligen Fideikommiẞbibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten blieben?
Daß diese Ausstellung nach Lemberg und Krakau nun auch im Österreichischen Museum für Volkskunde gezeigtwerden kann, ist in erster Linie der Österreichischen Nationalbibliothek zu verdanken, ihrem Generaldirektor Hans Marte, derLeiterin der Porträtsammlung Gerda Mraz und der Ausstellungskuratorin Irene Kohl, die großen persönlichen Einsatz, Zeit undMühe für dieses Projekt aufwandte. Für das Zustandekommen der Ausstellungen in Lemberg und Krakau ist nachträglich denKolleginnen und Kollegen vor Ort herzlich zu danken, insbesondere der Leiterin des Österreichischen Kulturinstitutes in Lemberg,Elisabeth Hofer, die das Unternehmen auf den Weg brachte und auch das Symposium zusammen mit Klaus Beitl organisierte.Nicht zuletzt hat die Direktion aber auch dem Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten sowie demBundesministerium für auswärtige Angelegenheiten zu danken, ohne deren finanzielle Förderung diese Ausstellung, mit der einneuer Beginn in den Beziehungen unter den fachverwandten Institutionen Österreichs, der Ukraine und Polens gesetzt werdenkonnte, nicht zustande gekommen wäre.
Dr. Franz Grieshofer
Direktor des
Österreichischen Museums für Volkskunde