Entstehungsgeschichte und Konzeption des,, Kronprinzenwerkes"
(„ Die österreichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild")
IRENE KOHL
Im Jahr 1883 reift in Kronprinz Rudolf der Ent-schluß, eine umfassende Ethnographie und Landeskunde derösterreichisch- ungarischen Monarchie zu veröffentlichen. DieIdee drängt, denn das Land entbehrt eines ethnographischenWerkes auf der Höhe des Wissensstandes seiner Zeit. Der Kron-prinz greift möglicherweise einen von Erzherzog Johann Sal-vator geäußerten Gedanken auf. Im Nachlaß Rudolfs findetsich ein Entwurf Johanns zu einem ethnographischen Werk.Das geistige Umfeld in Europa ist reif zur Etablierung der Eth-nographie als Wissenschaft.
Der Kronprinz stand den Wissenschaften sehr auf-geschlossen gegenüber. Selbst hochbegabt und mit reichenSachkenntnissen ausgestattet, vertrat er auch am Hof die Sacheder Intellektuellen. ,,... Rudolf war intelligent, lernfähig, und erbesaß einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Auch wenn wirkein Programm aus seiner Hand zur Lösung des Nationalitä-tenproblems kennen, so gibt es doch einen Satz, der in die rich-tige Richtung weist. Mitte Jänner 1889 erschien in der Zeitung' Schwarz- Gelb' ein Artikel mit der Überschrift' Die zehn Gebo-te des Österreichers', deren sechstes lautet:' Du sollst nicht be-gehren die Unterdrückung einer Nation, noch die Herrschafteiner Nation über die andere, denn die vollständige nationaleGleichberechtigung und die absolute Gerechtigkeit gegen alleNationen bilden die sicherste Grundlage der österreichischenStaatsexistenz'. Wir wissen nicht, ob Rudolf selbst diesen Satzgeschrieben hat, aber das Blatt war sein Organ, und die übrigenGebote decken sich vollständig mit seinen Ansichten."( StefanMalfer: Kronprinz Rudolf und die Nationalitätenfrage. In:Rudolf. Ein Leben im Schatten von Mayerling. 1989. S. 58)
Voraussetzung zu einem solchen Gebot ist dieKenntnis der Völker aus einer objektiven wissenschaftlichenDarlegung. So schreibt der Kronprinz in seiner Einleitung zurÖsterreichisch- ungarischen Monarchie in Wort und Bild( Übersichtsband, Abt. 1, S. 6-8):„ Es ist gerade in unseremVaterlande von hoher Wichtigkeit, die Ethnographie und ihreHilfswissenschaften zu pflegen, da dieselben, ferne von allenunreifen Theorien und von allen Parteileidenschaften, das Ma-terial sammeln, aus welchem allein eine objective Vergleichungund Abschätzung der verschiedenen Völker hervorgeht.
Dies ist bisher noch nicht oder wenigstens nicht inder angedeuteten Richtung der Fall gewesen.
Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß gerade in Öster-reich- Ungarn die Ethnographie weit weniger gefördert wurdeals in Deutschland, England und Frankreich und neuerlichauch in Rußland, obgleich wir jene Specialisten, welche dazu
vollkommen geeignet wären, vielleicht in gleichem Maße be-sitzen als andere Staaten.
Es erschienen allerdings manche werthvolle Arbei-ten über einzelne Völkerstämme, allein dieselben blieben ingelehrten Fachblättern und periodischen Zeitschriften meistunverwerthet liegen oder wanderten leider nur allzuhäufighinüber in die Publicationen des Auslandes.
Darum drängt sich der Gedanke auf, dieses reiche,für uns noch brach liegende Material in Österreich- Ungarn zuvereinigen und dadurch die Schaffung eines Werkes zu ermög-lichen, welches innerhalb der Grenzen dieser Monarchie demwissenschaftlichen und künstlerischen Selbstgefühl der einzel-nen Nationen Rechnung tragen... würde.
Und wo gäbe es einen Staat so reich an Gegensätzenseiner Bodengestaltung, der, naturhistorisch, landschaftlichund klimatisch so herrliche Mannigfaltigkeiten in seinen Gren-zen vereinigend, in der ethnographischen Zusammensetzungverschiedener Völkergruppen gleich interessante Bilder zueinem großen Werke liefern könnte?
Diese Erwägungen veranlaßten uns, diese Arbeit zuunternehmen,..."
Bereits 1884/85 trat die Politik in den Mittelpunktvon Rudolfs Interessen, doch in Wien bot sich ihm keinerleipolitisches Betätigungsfeld.„ Da er aber gesund war, viel Arbeitseit jeher gewöhnt war und nie das müßige Leben eines Erz-herzogs geführt hatte, suchte er sich eine Aufgabe, die seinen li-terarischen und politischen Interessen zwar entgegenkam,aber in keiner Weise in die aktuelle Politik eingriff: er plante einMonumentalwerk über die österreichisch- ungarische Monar-chie, eine volkstümliche Enzyklopädie, an der die geistige Elitedes Landes unter seiner Ägide mitarbeiten sollte.“( B. Hamann,1995, S. 225)
Rudolf erhielt keinen Zutritt zu Regierungsgeschäf-ten. Sein politisches Interesse, sein Arbeitseifer und Tatendrangließen ihn den Honoratioren des Hofes als gefährlichen Faktorerscheinen. Rudolf klagte:„ Einige nicht ganz schlechte Redenhalten, ziemlich gute Bücher oder Aufsätze schreiben und mo-derne Bildung besitzen, sind Dinge, welche weit entfernt sindvom großen Erfolg im Gang der Weltgeschichte." Selbst Män-ner, die dem Kronprinzen wohlwollten, beklagten bitter die,, Eifersucht" des Kaisers,„ mit welcher er über die Prärogativeder kaiserlichen Macht, selbst dem eigenen Sohn gegenüberwachte," so die Worte Johann von Chlumeckys:...„, so wurdedem Kronprinz... mittels mächtiger Schranken der Einblick inden Regierungsapparat verwehrt, ihm, der fühlte, daß hier ein
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