Ein Leichenzug, der aus verwinkelten Gassen heraustritt, auf demWeg zum Friedhof. Voran fliegen vier Tauben als Seelenvögel auf.Es ist ein schlichter Zug von Männern in ihrer fast uniformenKleidung mit der überdeckten Bahre auf ihren Schultern. Dienächsten männlichen Verwandten tragen die Leiche zur Gruft,während Psalmen hergesagt werden. Neben der Bahre bittet einMann mit Büchse um Almosen mit dem hebräischen Ruf:„ Almo-sen wendet das Verderben ab!" Die Kollekte gilt frommen Bruder-schaften und Wohltätigkeitsvereinen. Vom Beschauer weg be-wegt sich ein Mann mit seinem Sohn auf den Leichenzug hin. DieBegleitung einer Leiche ist eine gottgefällige Tat. Der Talmud for-dert sie sogar, denn, wer an einem Totenzug vorbeigeht und sodes Verstorbenen spottet, lästert seinen Schöpfer. Die Gleichheitvor dem Tode ist im jüdischen Denken tief verankert. Im Tod gibtes keinen Unterschied durch Stand und Reichtum.„ Die Ausstat-tung ist für jeden die gleiche. Keine goldglänzenden Särge, keineFahnen, keine Kränze, keine Musik, keine Equipagen und keinSchmaus.“ Der Körper soll unmittelbar in die Erde gebettet wer-den, gemäß dem Bibelspruch:„ Aus Staub bist du, zum Staubekehrst du zurück". Sofort nach Eintritt des Todes wird die Leicheauf die bloße Diele, auf einige Strohhalme gelegt, die im Sinne vonspitzen Lanzen, durch Leiden dem Toten einen schnelleren Zu-tritt zum Paradies bereiten sollen. Die Leiche ist mit einemschwarzen Gewand bedeckt, zu Häupten brennen drei Kerzen.„ Die Juden betrachten es als Sünde, die Leiche länger als unbe-dingt notwendig unbeerdigt zu lassen.“ Der Leichnam wird gewa-schen und mit einem weißen Leinengewand bekleidet, verheira-tete Männer bekommen dazu ihren Gebetsmantel. Gewöhnlichwird der Tote noch am selben Tag direkt in der Erde bestattet. ,, Inder Gruft erhält die Leiche als Kopfpolster ein Säckchen mit Erdeaus Jerusalem, damit sie auf heimatlicher Erde ruhe,... Gegen Be-schädigung durch Erdschollen werden die Augen mit kleinenScherben bedeckt. Die nächsten Verwandten schaufeln die erstenSchollen in die Gruft; die Söhne verrichten ein Todtengebet....Während elf Monaten sprechen die Söhne... dreimal täglich dasKadischgebet für die Seele der Verstorbenen;..."( ÖUM, 492-494)
105
Moritz COSCHELL
Jüdischer Osterabend( Passah- Fest)
sig. ,, Coschell 96"
Ölskizze( Grisaille)
36,0 cm x 27,8 cm
Pk 1131/2449
Lit.: ÖUM, 489
Abb. im Bildteil
Der Künstler gewährt einen Blick in das Innere einer jüdischenWohnung, wo die Familie zur Feier des wichtigsten Ereignissesder jüdischen Geschichte und auch der jüdischen Familie um denFesttisch versammelt ist.„ Ostern", richtig Passah, wird zur Erinne-rung an den Auszug aus Ägypten und an die Befreiung aus vier-hundertjähriger Knechtschaft begangen.„ Die beiden erstenAbende des Festes heißen Seder- Abende, weil an ihnen ein länge-rer häuslicher Familiengottesdienst nach einer genau vorgezeich-neten, Ordnung( Seder) stattfindet.“( H.-J. Gamm, 1990, S. 45)Die schneeweiß gedeckte Tafel trägt Speisen, durch deren reichenSymbolgehalt die Geschichte versinnbildlicht wird. In der Mittefindet sich ein voller Krug( oder Becher) mit Wein, der für den inVerkleidung als fremder Gast erwarteten Propheten Elias bereit-gehalten wird. Verdeckt liegen die ungesäuerten Brote, die Maz-zot, und vor jedem Familienmitglied steht ein Becher mit Wein.An der oberen Seite des Tisches sitzt der Familienvater auf seinemdurch Polster zum Thron gestalteten Sessel.„ Denn am Oster-abend dünkt sich jeder Jude in seinem Hause ein König“.( ÖUM,499) Er trägt den weißen Kittel, um auch an diesem Tag an dieVergänglichkeit erinnert zu werden. Um ihn herum die festlichherausgeputzte Familie, die seinem Vortrag über die Befreiungaus Ägypten aufmerksam zuhorcht. Nach dem Segensspruchbricht der Vater das erste ungesäuerte Brot( Mazza) und reichtjedem ein Stück, er segnet den Wein, und jeder trinkt davon.
Die Vorbereitungen zum Fest werden wochenlang zuvor getrof-fen. ,, Man bäckt Osterbrote, zieht Wein aus Rosinen, man brautMet, füttert Geflügel, tüncht die rußigen Zimmer, scheuert dielang verwahrlosten Dielen, putzt die den Winter über verklebten,luftscheuen Fenster, wäscht, scheuert und reinigt das gesamte In-ventar. Der Arme tut sein Bestes; der Reiche holt sein Gold- undSibergerät, die kostbaren Vasen, das sorgfältig bewahrte Kristall-glas und die Seidengewänder hervor; gilt es doch den königlichenGast würdig zu empfangen, der im Frühlingsglanz herannaht."( ÖUM, 498) Das in der Hochkultur geistig überhöhte Fest hatseine biologischen Wurzeln im Rhythmus des Jahresverlaufs. Essteht an der Wende zwischen Winter und Frühling und erhältauch von diesem Gesichtspunkt seine symbolische Ausdeutung.-„ Kein anderes Fest ist so beladen mit Symbolen wie das Passah-fest."( S. Ph. de Vries, 1990, S. 115)
106
Rudolf BERNT
Kleine Synagoge in der Wechslergasse in Lemberg( Teil desInnenraums)
sig.„, R.Bernt"Tuschzeichnung15,6 cm x 10,7 cmPk 1131/230Lit.: ÖUM, 497
Abb. im Bildteil
Der Künstler erlebt einen Besuch in der Synagoge. Sein Auge er-schließt das Innere dieses kleinen Gebetshauses, indem es an demschmiedeeisernen Überbau der zentralen Estrade, dem Almemoroder der Bima, vorübergleitet und gegen die Seite des Eingangsblickt. Sein Standort muß sich in der Nähe des Schreines für die hei-ligen Schriften befinden, in dem die Thorarollen aufbewahrt wer-den. Auch die geöffneten Fenster an der Eingangswand ziehen dieAufmerksamkeit an, während zwischen den Fenstern sich die An-sätze eines Kreuzrippengewölbes zu spannen beginnen. Im Gegen-licht treten zwei Gläubige in den geheiligten Raum, wovon der eineden Tallis( Gebetsschal) um Kopf und Schultern gelegt hat.„ Im Baustil folgten die Synagogen der allgemeinen kunstge-schichtlichen Entwicklung ihrer Umgebung, so daß man bereitsromanische und gotische jüdische Gotteshäuser findet." Da Judennicht in die Zünfte aufgenommen wurden, mußten sie sich fürihre Vorhaben christlicher Baumeister und Handwerker bedie-nen, die im Rahmen der allgemeinen Stilentwicklung verfuhren.( H.-J. Gamm, 1990, S. 50) Die hier aus Lemberg gezeigte Synagogeverwirklicht nicht die reinen Stilelemente der Gotik und stammtwohl aus späterer Zeit.
Die Betonung der Fenster entspricht einer alten Forderung nachDaniel 6:11, der an nach Jerusalem gerichteten Fenstern betete.Auch der Talmud warnt davor, in einem Raum ohne Fenster zubeten. Der Betende soll den Himmel sehen.- Die Synagogebraucht eine Menge Licht.
Ebenso soll der Eingang in die Synagoge auf der Seite des Bauwer-kes liegen, die Jerusalem zugewandt ist, d.h. an der Ostseite. Allendiesen Kriterien wird die vorgestellte Synagoge gerecht.
Die Einrichtung der Synagoge ist sparsam. Im Vorraum befindetsich die Genisia, ein„ Versteck" für religiöse Gegenstände und einBecken für das kultische Händewaschen. Der Hauptraum enthältden hölzernen Schrein für die heiligen Schriften( Aron ha Ko-desch), wo die Thorarollen aufbewahrt werden. Er gilt als Abbildder Bundeslade und befindet sich stets an der Ostwand des Ge-betshauses. Im Zentrum des Raumes erhebt sich über( maximalsechs) Stufen die Estrade( Bima, Almemor) mit dem Tisch( Schulchan) zur Verlesung der Schrift. Vor dem Thoraschrein be-findet sich der Amud, das Bet- oder Lesepult für den Vorleser.Zum unerläßlichen Inventar gehören auch Leuchter, Kerzen unddie„ Ewige Lampe“. Die Austattung mit Bänken ist variabel, siesind entweder um die Bima herum angeordnet, oder sie stehen al-lesamt an der hinteren Wand mit Blick nach Osten, wobei auchdie Zentrierung zur Bima hin möglich ist.
85