Druckschrift 
Galizien in Bildern : die Originalillustrationen für das "Kronprinzenwerk" aus den Beständen der Fideikommißbibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Weihnachtszeit in einem tief verschneiten Dorf des Vorgebirgesoder der Ebene( worauf der geflochtene Zaun schließen läßt). ImZentrum des Geschehens steht der tur", als Auerochs bezeichnetund doch ein Phantasiewesen, das mit verschiedenen Tieren as-soziiert wird, wie mit der Ziege oder dem Bären.( Die heute nochlebende zoologische Entsprechung wäre das Wisent.) Er ist um-ringt von einer Schar junger Leute und Kinder, mit denen er vonHaus zu Haus zieht. Dabei werden Weihnachtslieder( kolendy)gesungen.

,, Mit dem Stefanstage beginnt ein bewegtes Treiben.... Vom Abenddieses Tages an beginnt auch das sogenannte, Kolendiren'( Sin-gen der Weihnachtslieder) und dauert bis zu Maria Lichtmeß." Estun sich in jedem Dorf zehn bis zwölf kleine Burschen zusammen,die von Haus zu Haus gehen und jene Lieder singen, die man ko-lendy nennt. Sie singen draußen vor den Fenstern oder auf desHausherrn Wunsch in der Stube. Dafür erhalten sie gewisse Gabenan Geld oder anderen Dingen, die ebenso kolendy genannt wer-den. Die Sänger gehen entweder allein oder mit dem tur( Au-erochs),... der Ziege( koza)[ usw.] herum. Turoń" wird die mitdem Kopf des tur" verkleidete Person genannt.

Turoń und Ziege ist eines und dasselbe. Das Ding, auch Miś, d. h.Bär genannt, wird dargestellt durch einen Buben."

Die Gestalt des tur" besteht aus einem geschnitzten, gehörntenTierkopf, der auf einem Stock befestigt ist. Eine grobe Decke wirdals Maskenkleid an dem Tierkopf angebracht und der von derHüfte aus vorgebeugt gehenden Person übergeworfen. Der Stockdient zugleich zum Halten des Kopfes und als Stütze für den Mas-kenträger. Der Kopf ist mit Kalb- oder Rehfell überzogen und mitHörnern versehen; der Unterkiefer ist beweglich und klappert mitdem Oberkiefer zusammen, wenn der verdeckte, Turon' nach Be-darf mit dem Schnürchen manipulirt, das er in der Hand hält. DasMaul ist mit rothem Tuche ausgeschlagen, die Stelle der Zähnevertreten Hufeisen, wodurch das Klappern sehr laut wird. Außer-dem trägt der Turoń ein Glöckchen, das bei jeder seiner Bewe-gungen läutet. Einer der Sänger führt den Turon an einer Schnur,ein anderer trägt eine kleine Laterne; dazu gehören ein Geigerund einige Sänger und der Zug ist fertig. In die Stube eingelassen,singen sie vorerst irgend eine Kolenda, sodann beginnen dieSpäße mit dem Bären. Auf Befehl seiner Führer begrüßt er baldden Hauswirth, bald die Hausfrau, neigt sich vor ihnen und thutals küẞte er ihnen die Hände. Die Kinder laufen natürlich davon.Nun spielt der Musikant etwas auf und Petz beginnt possierlich zutanzen. Nach dem Tanze befiehlt man ihm, wenn erwachseneMädchen im Hause sind, diese zu küssen oder ihnen die Stiefelauszuziehen. Da gibt es dann ein Laufen, Lärmen, Kreischen, La-chen! Darauf singen sie noch irgend eine Kolenda, danken für dieGeschenke und ziehen ab, wobei derjenige, welcher den, Turon'führt, spricht:

73

, Komm! Petzchen, nun weg,

Steh' niemand im Weg,

Warst hier nicht erschaffen,

Wirst hier auch nicht schlafen."( ÖUM, 311 f.)

Wojciech von KOSSAK

Wasserbegießung zur Osterzeit

sig. ,, WKossak"

Aquarell und Deckfarbenmalerei

42,8 cm x 29,3 cm

Pk 1131/1185

Lit.: ÖUM, 355

Eine bewegte Szene in der Umgebung von Krakau; strohgedeckteHäuser, ein Dorfbrunnen. Ein Mädchen wird am Brunnen festge-halten und von zwei Burschen mit Bottichen voll Wasser begos-sen. Sie ist eine von jenen, die es nach einer ersten Begießung denBurschen heimgezahlt hatte, jedoch erwischt wurde und diesesTun mit einem neuerlichen Bad" büßt.

Die Tracht ist die charakteristische Krakauer Kleidung: die Bur-schen in knielanger ärmelloser Jacke( kaftan) bzw. sukmana",gestreiften Hosen und Röhrenstiefeln, mit dem Krakauer Hut bzw.der krakuska" auf dem Kopf.

,, An dem zweiten Osterfeiertage wird in ganz Polen in allenSchichten der Gesellschaft der Gebrauch geübt, daß man sich ge-genseitig unvermuthet mit Wasser beschüttet. Aus diesem Anlasseherrscht in den Dörfern zur Nachmittagszeit eine große Bewe-gung. Überall tummeln sich die jungen Knechte, mit Handsprit-zen, Krügen und Kannen bewaffnet, herum. Da kann jeder einBad bekommen; besonders aber haben sie es auf die Mädchen ab-gesehen. Wer sich von ihnen vor dem Hause zeigt, wird begossen,so daß kein trockener Faden an ihr bleibt. Manchmal läuft die Be-spritzte mit einem Topf oder Kübel voll Wasser hinaus und zahltes den Angreifern doppelt heim. Sie muß sich jedoch sehr in Achtnehmen, denn wenn man sie fängt, so hält man sie am Brunnenfest und begießt sie von oben bis unten mit dem Wassereimer,oder, wenn der Bach in der Nähe ist, so wirft man sie hinein. Diesist eine auch für die Burschen nicht ganz unbedenkliche Sache;denn in einem solchen Falle zieht das Mädchen sehr leicht einenBurschen nach sich und taucht ihn ganz unter. Für sie ist's einRuhm, zum heiligen, Lejek'( etwa Gießer) ein solches Stück aus-geführt zu haben, für ihn aber auf das ganze Jahr hinaus eineSchande."( ÖUM, 325)

Es handelt sich hier um einen Fruchtbarkeitsritus, den Julius Jan-daurek( 1884, S. 66 f.) in seinen heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischen Wurzeln beschreibt.,, Jährlich am zweiten Ostertage brachte man den Quellen, Flüssenund Seen Opfer, um Regen und Fruchtbarkeit zu erbitten, deshalbwurden zur Heidenzeit Glossar ::: zum Glossareintrag  Heidenzeit Menschen ertränkt und die Festlichkeitendete damit, daß man sich gegenseitig mit Wasser begoß. DieseSitte des Wasserbegießens besteht bis heute, am gedachten Tageerweisen die Jünglinge den Mädchen die Aufmerksamkeit des Be-gießens, und zwar in den Salons aus eleganten, mit Rosenwassergefüllten Spritzen, im Dorfe jedoch, weniger elegant, aber mehrausgiebig, aus Kannen und Bütteln. Den Tag darauf bestrebt sichwieder das schöne Geschlecht, diese Aufmerksamkeit zu erwi-dern. Diese Festlichkeit heißt: śmigus."

71