und ein bürgerliches Zivilisationsmodell etabliert. Hinsicht-lich der realen Lebensbedingungen der überwiegendenMehrheit der Bevölkerung und hinsichtlich der wirtschaft-lichen Entwicklung blieb Galizien hinter den anderen Tei-lungsgebieten zurück. Galizien scheint bereits während sei-ner realen Existenz eher ein Phänomen einer bestimmten,, Lebenseinstellung und-haltung", denn ein Phänomen der,, Lebensbedingungen“ gewesen zu sein. Tadeusz Boy-Żeleński schrieb über Krakau als„ Hauptstadt" des polni-schen Galiziens:„ Nirgends lebt man so sehr von der Einbil-dungskraft und so wenig in der Realität wie in Krakau"( In:Znaszli ten kraj?). Auch der die sozialen und politischenVerhältnisse in Galizien stets vehement kritisierende IvanFranko war in seinem generellen Urteil 1910 merkwürdigmilde: ,, So wie einem Arzt nichts mehr Vergnügen bereitetals die langsame Gesundung eines Patienten zu beobach-ten, so bereitet es dem Historiker das größte Vergnügen dieWiedergeburt einer Nation zu beobachten, die von einemmoralisch und politisch minderwärtigen Zustand zu einemnormalen Leben aufsteigt".
Wenn heute über Galizien als Zivilisationsmodell ge-sprochen werden kann, so beruht dies auch auf den grundsätz-lichen Veränderungen unserer eigenen Lebenswelt. Im geogra-phischen Raum des ehemaligen Galiziens besteht seit wenigenJahren eine offene Gesellschaft, in der nach Traditionszusam-menhängen gesucht wird, um Rechtsstaatlichkeit und Demo-kratie zu stärken. Die Diskussion um eine kulturelle Verbun-denheit Mitteleuropas aktualisiert die wissenschaftliche Bear-beitung des Themas Galizien. Entscheidend ist auch die inten-sive Beschäftigung mit den jüdischen Traditionen, die Galizienweltweit zu einem gesuchten Forschungsthema macht.
Das historische Galizien war ein„ kreatives Milieu"und ein Zivilisationsmodell, in dem die Frage, wie unterschiedli-che nationale Gruppen und Menschen unterschiedlicher kultu-reller Herkunft in einem Staat zusammenleben können, zu be-antworten versucht wurde. In diesen Fragen hatte der liberaleRechtsstaat der späten Habsburgermonarchie Erfolge aufzuwei-sen. Eine wesentliche Verbesserung der sozialen und wirtschaft-lichen Lebensverhältnisse ist ihm in der fernen Provinz aller-dings nicht gelungen. Diese Ziele schienen aber auch der imKronland bestimmenden konservativen polnischen Führungnicht vorrangig zu sein. Schon in einer Aufzählung der AufgabenÖsterreichs in Galizien, die in der berühmten Adresse des galizi-schen Sejm an Kaiser Franz Joseph vom 10. Dezember 1866 ent-halten ist, kommt die„ Gerechtigkeit" an letzter Stelle:
„ Wir wünschen, daß Österreich... nach außenein Schutzschild der Zivilisation des Westens sei,der Rechte der Nationalitäten, der Menschlichkeitund der Gerechtigkeit."
In diesem Jahrhundert wurden neue nationalstaatli-che Grenzen gezogen, das galizische Judentum wurde ermor-det oder vertrieben, in Umsiedlungsaktionen wurden Polen
und Ukrainer voneinander weitgehend getrennt. Der MythosGalizien scheint aber bis heute regionale Identität zu verleihen.
Der polnische Germanist Stefan H. Kaszyński be-schreibt die Macht dieses Mythos als Folge der Tatsache, daßGalizien bereits mit seiner Gründung 1772 gleichzeitig Mythosund Realität war:„ Galizien war schon zu Lebzeiten eine Legen-de: einerseits eine harte, fast unmenschliche Realität, anderer-seits eine mythenumwobene, arkadische Irrealität. Die zeitli-che Entfernung rückt die Realität in den Hintergrund und läßtden arkadischen Mythos gedeihen. Es ist zweifelsohne ein mit-teleuropäischer Mythos, dieses glückliche Galizien, ein Frag-ment des Habsburgermythos, aber noch viel phantastischer,dunkler und unheimlicher".
Die Illustrationen des Kronprinzenwerkes„ Dieösterreichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild" bildendie Realität und den Mythos Galiziens ab. Sie zeigen das ärmli-che Galizien am Rande Europas und gleichzeitig die seltsameFaszination dieses Kronlandes, das kulturell einen festen Be-standteil der altösterreichischen Vielfalt bildete. Das bäuerli-che Galizien erscheint als ein Teil Wiens: eine arme und ent-fernte Vorstadt einer der Weltstädte der letzten Jahrhundert-wende. Erst heute erkennen wir Galizien als eine große eu-ropäische Kulturlandschaft.
Literaturauswahl
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