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diese Erscheinung zumeist als Dekadenzphänomen darge-stellt. Demgegenüber ist aber einschränkend festzuhalten,daẞ Fragen der politischen Theorie sowie etwa staats- undverfassungsrechtliche Fragen im wissenschaftlichen Be-reich sehr ausführliche Behandlung fanden und die damalsdiskutierten Modelle heute zum Beispiel im Bereich derethnischen Minderheitenrechte wieder aktuell erscheinen.Zu den besonderen Merkmalen der österreichischen Jahr-hundertwende zählte auch das Phänomen der scheinbarmühelosen Assimilation relativ großer Bevölkerungsgrup-pen mit den beiden Aspekten der Assimilationssehnsuchtund der Assimilationsakzeptanz. Die Bereitschaft zumWechsel der Zugehörigkeit zu einer kollektiven Identitätkonnte wirtschaftliche und soziale Gründe haben( etwa dieZuwanderung jüdischer Bevölkerung aus Galizien nachWien), sie konnte aber auch kulturelle Neuorientierungenzum Ausdruck bringen( Assimilationssehnsucht in Teilender jüdischen Bevölkerung). Assimilation war jedenfallseine bewußte Veränderung der Identität und sie stellte einefordernde Situation dar, als welche sie auch von dem polni-schen Soziologen Ludwig Gumplowicz und von SigmundFreud beschrieben wurde.
Zum Lebensgefühl einer großen Zahl jener Gestalten derJahrhundertwende, deren Selbstverständnis wir heute an-hand der vorhandenen Quellen rekonstruieren können,gehörte auch die Einschätzung, daß sie in einer Gesellschaftlebten, in der eine„ Ambivalenz der Gefühle" vorherrschte.Haẞ und Liebe, Leben und Tod waren nur Aspekte einerWirklichkeit, die durchaus gemeinsam auftreten konnten.Ein Versuch, dieses Selbstverständnis theoretisch aufzuar-beiten, stellt das Werk Otto Weiningers dar, aber auch dersprichwörtlich an Altösterreich gerichtete Satz„ Die Lage isthoffnungslos, aber nicht ernst" enthält diese Ambivalenz. Inder Nationalitätenpolitik der späten Habsburgermonarchiewurde Ambivalenz vielfach zum Prinzip. So galt die jüdi-sche Bevölkerung nicht als eigene Nationalität, als aber inden Wahlreformen am Beginn des Jahrhunderts die Wahl-kreise nach nationalen Prinzipien eingeteilt wurden, wurdedie Wahlkreiseinteilung in den östlichen Kronländern sogetroffen, daß jüdische Abgeordnete in den Reichsrat ent-sandt werden konnten. Die Welt konnte dabei zu einemGesamtkunstwerk geraten, in dem Harmonievorstellungenoft in den skurrilsten Formen zum Bestandteil des öffentli-chen und des privaten Lebens wurden( Inszenierungen derWirklichkeit vom Makartfestzug bis zum Klimtbegräbnis).Sein und Schein wurden zu gleichberechtigten Faktorender Wirklichkeit. Czernowitz und Lemberg konnten als„ Klein- Wien" bezeichnet werden, weil es in ihnen Kaf-feehäuser gab, in denen so wie an manchen Orten in Wienselbst bis zu 160 Zeitungen regelmäßig auflagen. Aus derKraft dieser Fiktionen schöpften Autoren wie Joseph Roth,Bruno Schulz oder Elias Canetti.
An anderen Orten bereits stabile Kategorien unterschied-lichster Art wie Sprache, Nation, Bewußtsein wurden in derpluralistischen Erfahrungswelt der Jahrhundertwende rela-
tiviert und in neue Zusammenhänge gestellt. Die Ergebnis-se reichten von der Entwicklung der Sprachphilosophieüber die Psychoanalyse bis zur Rechtssoziologie.
In periphären Regionen wie Galizien wurden auf Grund derpolitischen Landesautonomie und der nationalen Emanzi-pation Orte mit„ Zentrumsfunktionen" ausgestattet. Städtewie Krakau und Lemberg wurden zu wichtigen Trägern desaltösterreichischen Zivilisationsmodelles.
Thesenhaft können die zivilisatorischen Fortschritte in Galizi-en folgendermaßen zusammengefaßt werden:1. Vor allem für Ostgalizien wurde mit der Eingliederung indas Habsburgerreich erstmals eine Westorientierung mög-lich. Galizien wurde zu einem armen, aber integrierten TeilEuropas. Die traditionelle religiöse europäische Grenzezwischen Rom und Byzanz, die quer durch Galizien verlief,wurde überschritten. Galizien und damit Österreich wur-den real und spirituell ein Tor nach Europa.
2. Sämtliche der bis zur Gegenwart prägenden Prozesse derUrbanisierung und Modernisierung hatten ihren Beginn im19. Jahrhundert und werden daher in dieser Region mitdem Begriff ,, Galizien" verbunden. Intensive staatliche undkommunale Investitionen in Straßen, Eisenbahnlinien, öf-fentliche Bauten und in die gesamte städtische Infrastruk-tur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägen teil-weise bis heute in Südpolen das Stadtbild.
3. Galizien war sowohl für die polnische als auch für die ukrai-nische Nationalgesellschaft jener politisch- territoriale Rah-men, in dem große Teile der späteren politischen Eliten aus-gebildet wurden. In Galizien wurden rechtsstaatliche underste demokratische Erfahrungen gemacht( Krakau galt vordem Ersten Weltkrieg als polnisches Athen, Galizien alsukrainisches Piemont).
4. Die galizische Autonomie nach 1866 bot Polen und Ukrai-nern kulturelle und wissenschaftliche Freiräume, die zurEntwicklung der beiden Nationalgesellschaften wesentlichbeitrugen( Sprachenrechte, nationalkulturelle Institutio-nen). So profitierte die Polnische Republik nach 1918 voneinem„, politischen Reifeprozeß“, den die Autonomieepo-che Galiziens ermöglicht hatte.
5. Die komplizierte ethnopolitische Situation Galiziens mit allihren nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Konfliktenzwang das politische System und die Bewohner, theore-tisch und praktisch mit Fragen der Pluralität umzugehen.Mit der Entscheidung Altösterreichs für eine rechtsstaatli-che Verfassung( 1867) wurde Galizien ein spezifischerRaum für eine polnische, ukrainische und deutschjüdischekulturelle Blüte. Die zivilisatorischen Erfahrungen, mit Plu-ralität im Alltag umgehen zu müssen, prägten in spezifi-scher Weise die Kultur( bis zur Dialogphilosophie von Mar-tin Buber).
6. Zivilisatorische Fortschritte betrafen in Galizien vor allemdie administrative Struktur und die Einbindung in den bür-gerlichen kulturellen Dialog der Jahrhundertwende. Eswurden wie in der gesamten Monarchie bürgerliche Rechte
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