unausgeglichenen und wirtschaftlich ausgebeuteten europäi-schen Grenzregion gesehen, aus der in nur wenigen Jahrzehn-ten etwa 2 Millionen Menschen ausgewandert sind. In dem an-deren Bild wird Galizien als ein Beispiel mitteleuropäischerVielfalt gesehen, in dem die Prinzipien liberaler Rechtsstaat-lichkeit angewandt wurden und in dem Polen, Ukrainer undJuden Gleichberechtigung erhielten.
Die mit den polnischen Teilungen an das Habsbur-gerreich angeschlossenen Gebiete„ Galiziens“ mit ihrer polni-schen, ruthenischen und jüdischen Bevölkerung waren bis zurAuflösung der Habsburgermonarchie die rückständigsten Ge-biete des gesamten Reiches. Armut, Analphabetismus, Alkoho-lismus und Auswanderungen sind die wichtigsten Themeneiner Sozialgeschichte Galiziens von 1772 bis 1918. NationaleAuseinandersetzungen zwischen Polen und Ruthenen sowieantisemitische Ausschreitungen und eine halbkoloniale Ab-hängigkeit vom Reichsrat in Wien sowie von der staatlichenVerwaltung im Kronland( Statthalterei, Bezirkshauptmann-schaften) waren die bestimmenden politischen Themen. Diewirtschaftlichen Verhältnisse zwischen bäuerlicher Struktur,wachsenden Handelsströmen und neuen Grundstoffindustri-en( Erdöl) verstärkten wirtschaftliche Ungleichheiten undführten zu Massenarmut.
Trotzdem gibt es heute in Polen und in der Ukraineeine positive mythische Vorstellung von Galizien, die ihre Ent-sprechung in einer umfassenden literarischen und literaturhi-storischen Beschäftigung mit dem Thema findet. Die Gründedafür werden von Historikern zumeist in der politischen undkulturellen Renaissance der Polen in der Zeit der Autonomienach 1866, in der Ausbildung einer ukrainischen Nationalbe-wegung, in der jüdischen Emanzipation und in der wechsel-haften Geschichte dieser Region nach 1918 gesucht. Alle dieseProzesse haben zu einem positiven Galizienbild beigetragen,aber sie erklären nur teilweise den Widerspruch zwischen dersozio- ökonomischen Rückständigkeit der Region und der wie-derkehrenden Faszination Galiziens im öffentlichen Diskurs.
Noch 1981 schrieb Norman Davies am Beginn desGalizienkapitels seines Standardwerkes über die GeschichtePolens:„ Das Leben des Königreiches von Galizien und Lodo-merien war kurz und traurig... und nur wenige Menschen be-klagten sein Verschwinden". Er vergleicht die wirtschaftlicheund soziale Lage mit den anderen beiden Teilungsgebieten undsieht selbst bei diesem Vergleich eine allgemeine Rückständig-keit Galiziens. Tatsächlich war Galizien während der gesamtenDauer der Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie gemein-sam mit der Bukowina das rückständigste Kronland. 1859 be-suchten nur 20% der schulpflichtigen Kinder tatsächlich eineSchule, 1900 waren es immerhin 71%. Der Prozentsatz der An-alphabeten betrug noch 1910 59%.
1901 reiste der sozialistische Politiker Julian March-lewski durch die böhmischen Länder nach Galizien und be-richtete anschließend über die„ galizische Not“:„ Welch er-schreckender Unterschied im Vergleich mit den tschechischenStädten und Dörfern! Ein so großer Unterschied, daß, wer ihneinmal gesehen hat, nicht mehr zweifeln kann: Galizien ist ein
halbes Jahrhundert hinter Böhmen zurückgeblieben, und,wenn es um Ostgalizien geht, dann muß man wohl sagen: umein ganzes Jahrhundert".
Dieses Urteil orientierte sich an der generellen Rück-ständigkeit Galiziens. Im Gegensatz zu den ersten fast 100 Jah-ren österreichischer Herrschaft in Galizien war aber in der Zeitder Autonomie das Arbeiterelend und das damals sprichwörtli-che Alkoholismusproblem der Galizier ein öffentliches politi-sches Thema. Die Entwicklung einer„ politischen Öffentlich-keit" ist zu den Faktoren des zivilisatorischen Fortschrittes zuzählen. Forschungsansätze zur Untersuchung weiterer derarti-ger Faktoren, die zu dem spezifischen ZivilisationsphänomenGalizien beitrugen, gibt es erst in Ansätzen. Ich kann hier nureinige dieser insgesamt für Altösterreich spezifischen Moderni-sierungsfaktoren aufzählen:
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Die allgemeine Zunahme der Kommunikationsmöglichkei-ten und der Abbau von Mobilitätsschranken führten zur ra-schen Verbreitung von Meinungen und Neuartigem. Einewissenschaftliche Erkenntnis, die in Wien öffentlich disku-tiert wurde, konnte um 1900 schon wenige Tage späterauch in Triest oder Czernowitz diskutiert werden. Abernicht nur Meinungen wurden rasch transportiert, sondernauch der„, Wechsel der Horizonte" begann zu einem übli-chen Karrieremuster für Beamte und Wissenschaftler zuwerden. Der häufige Wechsel des Arbeitsplatzes und damitoft auch der sprachlichen, religiösen und insgesamt kultu-rellen Umgebung zählte zu wesentlichen Kreativitätsbedin-gungen der späten Habsburgermonarchie.Zu den bekanntesten Beispielen einer auf Grund der vor-handenen gesellschaftlichen Struktur angeregten wissen-schaftlichen Theorie zählt die von dem Deutschprager Phi-losophen Fritz Mauthner in seinen Erinnerungen der Situa-tion der sprachlichen Vielfalt in Prag zugeschriebene Aus-arbeitung einer Sprachkritik. Sprachliche und ethnischeVielfalt stellten generell gesellschaftliche Herausforderun-gen dar, die in der Regel unter dem Aspekt der politischenProblemstellungen diskutiert werden, die aber auch nach-haltig Denkstrukturen beeinflussen konnten. Die Zusam-menhänge zwischen Mehrsprachigkeit und Kreativitätsowie zwischen Sprache und Identität stellen wichtigezukünftige Forschungsthemen dar.
Das in der gesamten Monarchie bis 1918 verbindliche hu-manistische Erziehungsideal trug dazu bei, daß ein einheit-liches kulturelles Referenzsystem Bestand hatte, das einerDiskurskultur förderlich war. Die Sprach- und Bilderweltder einzelnen Wissenschaftsdisziplinen sowie der verschie-denen Kunstrichtungen war soweit vergleichbar, daß derDialog zwischen den Bereichen selbstverständlich bleibenkonnte.
Zu den bereits erwähnten„, conditions of excellence" zähltedie Schwäche des altösterreichischen politischen Systemsnach 1867, die auf Grund gegenseitiger zumeist nationalerBlockierung Freiräume der Liberalität zuließ und gleichzei-tig zu einem Desinteresse des intellektuellen Lebens an po-litischen Fragen führte. In der neueren Forschung wird
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