Schlegel und seine Zeitschrift, das waren wohl so ziemlich die einzigenBrücken, die Jacob Grimm einigermaßen deutlicher vor sich sah, als er1814 nach Wien zu fahren hatte. Er hatte die Arbeiten anderer Samm-ler im ,, Museum“ gelesen, besonders die Mitteilungen über das Volksliedim Kuhländchen von Joseph Georg Meinert 8. Es mußten sich in jenemKreis also wohl Menschen finden, die in sein augenblickliches Weltbildund Wunschbild von einer Erfassung der auf gleichem Gebiet arbeiten-den Gelehrten passen konnten. Bisher war ja das Wirken der Brüder indieser Hinsicht ganz zweigeteilt gewesen: Entweder arbeiteten sie voll-ständig allein und ließen dabei ihre Vorgänger und Zeitgenossen kritischkaum gelten, oder aber sie nützten ihre Freunde und Bekannten mitallen Mitteln liebevollen Druckes, wenn es um das Gewinnen von münd-lich überliefertem Stoff ging. Auf diese Weise waren sie nach den An-regungen von Brentano und Arnim an die Sammlung der Märchen heran-gegangen, und wenn der I. Band, der zu Weihnachten 1812 erschien,dadurch eine ,, stockhessische Märchenlese" geworden war 9, so wußtendas gerade die beiden Brüder sehr genau und bemühten sich, für denzweiten Band auch das Märchengut anderer Landschaften zu gewinnen.An Österreich hatten sie bisher nicht im mindesten gedacht. Als sichaber 1814 für Jacob der amtliche Auftrag ergab, nach Erledigung derBibliotheksarbeiten in Paris die hessische Legation nach Wien zu beglei-ten, so bewog ihn sicherlich nicht zuletzt auch der Wunsch, auch hieretwas für die weitere Märchensammlung tun zu können.
Dabei mag ihn die Zeitsituation nicht eben dazu ermuntert haben. Diegroßen Anreger der Brüder, Brentano und Arnim, waren nicht sehrösterreich- freundlich eingestellt. Arnim schrieb am 20. April 1814 an dieBrüder: ,, Deine Kindermärchen sind in Wien nachzudrucken verbotenworden, als zu abergläubisch; solch ein Verbot giebt mir keine sonder-liche Hoffnung für die Friedensblätter, es wird nur immer deutlicher,daß die meisten Literaturen an Kritik und Censur zu Grunde gegangensind." 10 Gemeint waren die von Brentano in Wien herausgegebenen,, Friedensblätter", die immerhin dann einige Zeit erschienen, und andenen Jacob Grimm während seines Wiener Aufenthaltes auch mit-arbeitete 11. Das an sich nicht seltene Verbot des Nachdrucks sprach8 Meinert, J. G.: Fee Gig. Erste Mitteilung über Volkslieder im Kuhländchen.In: Deutsches Museum IV( 1813), S. 116 ff.
Vgl. Klier, Karl M.: Neues vom alten Volkslied des Kuhländchens. In: Deutsch-mährisch- schlesische Heimat 22( Brünn 1936), H. 1/2, S. 6 ff.
9 Bolte, Johannes und Polivka, Georg: Anmerkungen zu den Kinder- undHausmärchen der Brüder Grimm. Bd. IV. Leipzig 1918, S. 437.
10 Steig, Reinhold: Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm. Stutt-gart und Berlin 1904, S. 302 f.
11 Steig, Reinhold: Clemens Brentano und die Brüder Grimm. Stuttgart undBerlin 1914, S. 194 ff.
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