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Vor 1806 hatten die Brüder Grimm kaum irgendwelche Beziehungen zuÖsterreich, noch bedeutete es ihnen, die leiblich in Hessen, geistig imalten deutschen Reich lebten, keine politische Realität. Die Gründungdes Kaisertums Österreich von 1804 mochte ihnen wie manchen anderenZeitgenossen als eine vorübergehende Einzelheit in der Fülle der Ge-schehnisse der Napoleonischen Epoche erschienen sein. Persönlich mögensie zur gleichen Zeit erste Nachrichten von Wien vernommen haben,durch die Geschwister Brentano, die sich über die Frau ihres BrudersFranz, Antonia von Birkenstock, dorthin eine Verbindung geschaffenhatten 3. Sie hörten dadurch wohl auch bald, daß Friedrich Schlegel,der Mittelpunkt der älteren Romantik, sich mit Wiener Plänen trug.Seit 1809 wirkte Schlegel in Wien aktiv politisch- schriftstellerisch imKreis der wenigen, aber sehr aktiven deutschen Gegner Napoleons, diegrößtenteils in Wien zum Katholizismus konvertierten 4.
Für Grimm war Schlegel freilich zunächst der Gelehrte, der schon 1804eine ,, Sammlung von romantischen Dichtungen des Mittelalters" her-ausgegeben und damit jene Richtung eingeschlagen hatte, der sich dieBrüder ungeachtet ihres bisherigen juristischen Studienganges bald ganzzu widmen gedachten. In Wien gab nun Schlegel eine eigene Zeitschriftdieser Richtung heraus, das„ Deutsche Museum", und Jacob Grimmsandte Schlegel am 24. März 1812 einen Beitrag über die„ Herausgabedes alten Reinhart Fuchs" 5. Damit führte er sich glücklich in den Wie-ner Romantikerkreis ein, nutzte aber auch gern die Veröffentlichungs-gelegenheit weiter und ließ im folgenden Jahr 1813 wieder im„ Deut-schen Museum" seine„ Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte"erscheinen 6. Das waren wohl Beiträge, die einen BartholomäusKopitar, mit dem Jacob Grimm späterhin noch so oft in Verbindungtreten sollte, zu der Briefbemerkung hinrissen:„ Das Deutsche Museumgibt Schlegel in Wien heraus. Wien ist nun das Centrum Deutschlandsin so mancher Rücksicht." 7
3 Das unsterbliche Leben. Unbekannte Briefe von Clemens Brentano. Hg. Wil-helm Schellberg und Friedrich Fuchs. Jena 1939, S. 523.
Schmidt, Leopold: Zwischen Bastei und Linienwall. Wiener Vorstädte und ihreGäste. Wien 1946, S. 213 ff.
4 Nagl- Zeidler- Castle: Deutschösterreichische Literaturgeschichte, Bd. II. Wien1914, S. 842, 879 u. Ô.
5 Briefe der Brüder Grimm. Gesammelt von Hans Gürtler, hg. Albert Leitz-mann( Jenaer Germanistische Forschungen, Bd. I), Jena 1923, S. 123 ff.6 Grimm, Jacob: Kleinere Schriften, Bd. IV, Berlin 1869, S. 74 ff.
7 Neue Briefe von Dobrowsky, Kopitar und anderen Süd- und Westslawen.Hg. V. Jagic, Berlin 1898, S. 252.
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