Lieblingsobjekt
55. Jahrgang
Vom Geschmack der Bücher
Ich habe all die vielen schönen, kuriosenund banalen Bücher in unserer Bibliothekgleich lieb. Ein paar von ihnen sind alsHighlights auf der Website des Museums zufinden. Dennoch gibt es zu unterschiedli-chen Zeiten und Stimmungen immer wiedermal ein Werk oder einen Bestandsbereich,der mir besonders am Herzen liegt. Sei esseiner äußeren Anmutung, seines Geruchesoder seines Themas wegen.
Wenn man vom Geruch redet, muss manauch von Sucht sprechen. Mit der Signatur14110 N: 23 wurde ein Reihenwerk katalogi-siert. Es sind dies die Kataloge des WienerAuktionshauses Dorotheum, die wir in regel-mäßigen Abständen erhalten. Zwar nichtvollständig aber doch beinahe.
Grund für den Bestandszuwachs ist, dassder ehemalige Direktor unseres Museums,Dr. Franz Grieshofer, vor ca. 20 Jahrenregelmäßig sachkundige Führungen zu denBauernmöbelauktionen im Vorfeld derVersteigerungen anbot und auch abhielt.Seine Expertise war bei den interessierten,potentiellen Käuferinnen sehr gefragt. DasVersteigerungshaus Dorotheum sieht esnoch immer als angemessen an, unseremMuseum als Dank dafür seine Katalogezuzusenden.
Aber nicht erst seit 20 oder 30 Jahrenerhalten wir diese Kataloge, die erstendieser Kataloge kamen schon Anfang der1950er Jahre in unsere Bibliothek. Darüberhinaus sind in diesem Bestandsbereichauch Angebotslisten und Objektver-zeichnisse mit Preislisten einiger andererAuktionshäuser zu finden, die schon imbeginnenden zwanzigsten Jahrhundertden Weg in unser Museum fanden.
Meine Lieblingskataloge sind aber ausneuerer Zeit bzw. es sind immer jene, wel-
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che noch in Kunststoffkuverts verpackt vonder Post gerade angeliefert werden. DasÖffnen der Verpackung lässt eine Ahnungvon abseitigem Verlangen aufkeimen, dasnur durch das unverzügliche Hineinsteckender Nase in das nicht vollständig aufgeschla-gene Druckwerk gestillt werden kann. TiefesEinatmen der Kleberausdünstungen ausdem Falz befriedigt die erste Gier.
Nun kann man sich entspannt zurück-lehnen und diesen Vorgang mehrmalswiederholen, um sich gleichzeitig zu ver-sichern, dass diese Lieferungen ohnedieseher selten eintreffen und deswegen diesespezielle Aneignung von Druckwerken auchkeinen bleibenden Schaden an der Leberanrichten dürften.
Abseits olfaktorischer Genüsse gibt esauch den von manchen Kostverächterln-nen sublimer eingeschätzten Genuss desIntellekts. Als da wäre: Sign. 50538/ 1-7. J.J.Voskuils 7- bändiger und mit 5204 Seitendoch relativ umfangreiche Roman„ DasBüro". Laut Buchrückentext der paradig-matische europäische Angestelltenromander vergangenen Jahrzehnte. Eine Tele-Novela in Buchstabenform. Sich verlieren in30 Jahren Büroalltag in einem AmsterdamerVolkskundeinstitut. Was kann einem
besseres widerfahren?
Geschnuppert habe ich nur an den Kata-logen, der Roman war faszinierend genugum auf diesen Mehrwert einer Publikationvergessen zu können.
Hermann Hummer,Bibliothek