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Weihnachtskrippen : Spiegelbilder vergangener Lebenswelten ; [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 30. November 2008 bis 1. Februar 2009]
Entstehung
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Krippen als Quelle des Volkslebens

Mit dem Einzug der Weihnachtskrippen in den privaten Be-reich vollzog sich nicht nur eine örtliche Verlagerung, sondernauch eine geistige Transformation. Mit der Übernahme in dieprivate Sphäre wurden sie dem unmittelbaren geistlichen Zu-griff entzogen, was dazu führte, dass die Krippen ein Eigen-leben zu entfalten begannen. Das Mysterium passierte nunnicht mehr im Kirchenraum, sondern innerhalb der eigenenWände, was eine wesentlich persönlichere Anteilnahme er-möglichte. Das Gedenken an das Ereignis der Geburt Christierfolgte nun in der vertrauten Umgebung und wurde jedesMal aufs Neue lebendig.

Der Wunsch, eine Krippe zu besitzen, führte in den katho-lischen Ländern zu einer raschen Popularisierung und ließeine große Anzahl an Krippen entstehen. Der Besitz einerKrippe wurde zum Familienprestige. Das bewirkte eine breitePalette an qualitativen Ausdrucksformen, die vom einzigar-tigen Kunstprodukt bis zum naiven Laienwerk reichen.

Die Krippe avancierte, unabhängig von ihrem religiösen In-halt, zu einem zeit- und milieugebundenen Kunst- und Kul-turobjekt. Im Zuge der Verweltlichung" der Krippe lässt sichein Vorgang beobachten, wie er auch für das geistliche Volks-schauspiel charakteristisch ist. Hier wie dort erlangten die,, Nebenszenen eine besondere Beliebtheit. Die Schnitzer be-gannen dem Drumherum ihr volles Augenmerk zu schenken.

Manch markantes Gebäude eines Marktes, einer Stadt oderdie örtlichen Bauerngehöfte fanden auf diese Weise Eingangin die Krippen. Die Figuren agieren in ihrer vertrauten Um-welt. Die Krippe wird zur Bühne, zu einem Spiegel ehemaligerLebenswelten.

Die Weihnachtskrippe ist das Ergebnis eines oft über Gene-rationen andauernden Gestaltungsprozesses. Als Beispiel seidie Jaufenthaler- Krippe aus Vill bei Innsbruck angeführt,aus der in dieser Ausstellung nur Teile gezeigt werden. DieJaufenthaler- Krippe, benannt nach ihrem letzten Besitzer, mitden bekleideten Figuren und den prächtigen barocken Engelnstammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und war zunächstals Kirchenkrippe konzipiert. Als die Krippen von Joseph II.aus den Kirchen verbannt wurden, nahm sich die Familie derKrippe an und gab ihr in der Stube des Bauernhauses in Villein neues Zuhause. Durch vier Generationen wurde die Krippejedes Jahr aufgestellt. Im Verlauf dieser Zeit wuchs die Krip-pe durch ständige Erweiterungen schließlich zu einer riesigenLandschaftskrippe mit dem Ausmaß von 6 x 6 Metern. Inmit-ten der dörflichen Szenerie treffen in ihr die in Tiroler Trachtgekleideten Figuren mit dem prächtigen, berittenen Aufzugder Könige zusammen und lassen die Krippe zu einem einzig-artigen kulturhistorischen Dokument werden.