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1 (1985) Papiertheater : eine Sonderausstellung aus Wiener Sammlungen. [1] / Katalog
Entstehung
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Papiertheater

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einer vergangenen Zeit

Jedes Ding ist Ausdruck seiner Zeit, ist das Ergebnis mannigfal-tiger technischer Errungenschaften, politischer, sozialer und kulturel-ler Strömungen. Es müssen dafür nur die entsprechenden Vorausset-zungen und die nötige Bereitschaft zur Aufnahme vorhanden, miteinem Wort, es muß die Zeit dafür reif sein. So plötzlich und selbst-verständlich Phänomene auftauchen, so rasch und unmerklich kön-nen sie aber auch wieder verschwinden, wenn ihre Zeit abgelaufenist. Die Dinge kommen und gehen. Wenn sie ihre Funktion erfüllt ha-ben, werden sie nicht mehr beachtet, beiseitegeräumt oder gar ver-nichtet. Erst Generationen später beginnt man sich ihrer womöglichwieder zu entsinnen. Losgelöst von ihrem einstigen Gebrauch erfah-ren sie dann als Sammelobjekt eine neue Wertschätzung, die um somehr steigt, je weniger davon erhalten blieb.

All das trifft auf das Papiertheater zu. So als ob es in der Luftgelegen hätte, taucht es am Beginn des 19. Jahrhunderts plötzlichund fast gleichzeitig in mehreren europäischen Ländern auf. In Wiensetzt der Papiertheater- Boom 1825 ein. Der Verlag Trentsensky, dererst wenige Jahre zuvor seine Anstalt eröffnet hatte, gab in diesemJahr die ersten Bögen für sein Großes Theater" heraus, dem in kur-zen Abständen weitere Dekorations-, Kulissen- und Figurenbögenfolgten. 1830 erschien auch eine kleinere Version, das sogenannte,, Mignon- Theater mit aktuellen Opern wie Die Zauberflöte, Zam-pa oder Fra Diavolo".

Das Papiertheater fand aber nicht nur in Wien seine Abnehmer,sondern strahlte weit über die Stadt hinaus. Voraussetzung für dieserasche Verbreitung waren die gewaltige Theaterbegeisterung und dieErfindung der Lithographie. Dieser vor allem vom Bürgertum getrage-ne Enthusiasmus für das Theater der Romantik mit seiner wieneri-schen Vorliebe für den Schauspieler äußert sich im rasanten Absatzan Bühnenkostümbildern und Schauspielerporträts, die indirekt zurEntwicklung des Papiertheaters führen. Ohne die Erfindung der Li-thographie, die die Massenproduktion erst möglich und den Kauf er-schwinglich machte, wäre die rasche Verbreitung aber undenkbar.

Graphische Massenproduktionen gibt es freilich schon seit demMittelalter. Neben Andachtsbildern, Spielkarten sind es vor allemFlugblätter, die im Holzschnittverfahren hergestellt und von allenSchichten der Bevölkerung gekauft werden. Die Flugblätter oder Ein-blattdrucke stellen besonders in der Reformationszeit eine ersteForm der Nachrichtenübermittlung, eine Art Bildzeitung, dar. Mit Bildund kurzem Text künden sie von politischen Ereignissen, von Kata-

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