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1 (1985) Papiertheater : eine Sonderausstellung aus Wiener Sammlungen. [1] / Katalog
Entstehung
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Das große Theater

Ein Streifzug durch die WienerTheatergeschichte des 19. Jahrhunderts

Theatergehen und-spielen zählte zu den beliebtesten Freizeitbe-schäftigungen der Menschen des vergangenen Jahrhunderts.

Das Theater wird in Wien zu einer- von den Sittenpredigern oft gerügten- Leiden-schaft. Nicht nur Studenten, junge Beamte und sorglos gestellte Bürgersöhne spielten( Theater, Anm. d. V.), sondern auch Handwerker, Köchinnen und Dienstboten."( OttoRommel: Alt Wiener Volkskomödie, Wien 1952)

Für manche war Theater Ort der Entspannung und Unterhal-tung, für andere Ort der Auseinandersetzung, für wieder andere be-deutete es Ventil für aufgestaute Frustrationen. Für viele war Thea-ter Repräsentation, einige sahen im Theater ein Forum, um klassi-sche Bildung zu erlangen; die Aufzählung ließe sich weiterführen. Alldiese Erwartungen sollten erfüllt werden.

Die Theaterbegeisterung der Wiener blieb aber nicht nur auf dasTheater selbst beschränkt, sondern fand auch ihren Niederschlag imAlltag. Es blühte der Kunstkommerz. Geschickte Unternehmer botentheatralische ,, Kultobjekte" in jeder Form an, und das Geschäft blüh-te.( Vgl. dazu Katalog des Österr. Theatermuseums,, Theaterkult inWien", 1983)

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In den bürgerlichen Haushalten durfte das Papiertheater nichtfehlen. Findige Verleger, angespornt durch die neuen und billigerenDrucktechniken, boten ihren jugendlichen Kunden Papierbögen mitDarstellungen aus beliebten Theaterstücken an. Dabei wurde aufäußerste Genauigkeit und Authentizität der Vorlagen geachtet. DasPapiertheater wird zur kleinen Bühne, auf der die große ihre Probe

hält.

Zum besseren Verständnis scheint es daher angebracht, dieEntwicklungslinien des großen Theaters in groben Zügen darzule-gen. Mit welchen Formen und mit welchen Inhalten wurden die Wün-sche damals befriedigt? Wieweit beeinflußten und veränderten ge-sellschaftliche und politische Situationen das Theatergeschehen?All dies soll an Beispielen skizziert werden, um die Vielschichtigkeitdes Theaters dieser Zeit, seine kulturellen und geistesgeschichtli-chen Entwicklungen und Umformungen aufzuzeigen.

Das Erbe von Hanswurst

Mit Gottfried Prehauser( 1699-1769) und Josef Felix von Kurz,genannt Bernardon( 1717 1784), ging die Stegreifkomödie des altenHanswurst ihrem künstlerischen Ende zu, zumal ihr entfesseltes und

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