Vorwort
Ich will es nicht ausschließen, daß bei dem Ertönen der dreiStockschläge, mit welchen nach guter alter Theatergewohnheit imHauptgebäude Gartenpalais Schönborn des Österreichischen Mu-seums für Volkskunde der Vorhang für die Sonderausstellung„ Pa-piertheater" aufgezogen worden ist, sich nicht auch der genius locials Klopfgeist bemerkbar gemacht hat...
Es ist sehr wohl noch in Erinnerung, daß vor bald 150 Jahren,1841, die Schauspielerin des Josefstädter Theaters Amalie Vogel,Gattin des Barons Johann von Pasqualati, im Hause des heutigenMuseums ein Liebhabertheater eröffnet hatte.
Dieses„, Pasqualatitheater", wie es benannt war, besaß seinenSaal in der oberen Etage des Innenhoftraktes, wo sich heute das gro-Be, modern ausgestattete Magazin der Museumsbibliothek mit sei-nen Schätzen hundertjähriger Gelehrsamkeit befindet, und hatte sichzu seiner Zeit großer Beliebtheit erfreut. Später sehr geschätzteSchauspieler traten hier meist in Lustspielen und Possen, seltener inSchauspielen und Opern als Debütanten auf. Man weiß, daß zu denmeistaufgeführten Autoren dieses bürgerlichen Theaters des WienerSpätbiedermeiers der aus Weimar gebürtige und zeitweilig als Thea-terdirektor in Wien tätige August von Kotzebue( 1761 – 1819) zählte,von dem zwischen 1841 und 1862, als das Pasqualatitheater aus fi-nanziellen Gründen wieder seine Pforten schließen mußte, nicht we-niger als 32 seiner effektsicheren, häufig rührseligen Stücke aufge-führt wurden. Solche Theaterliteratur wie auch die Zeitspanne desWirkens von Amalie Vogel für ihr privates Theater in der Josefstadtverweisen indes auf den Ursprung und die Blüte des in gleicher Wei-se bürgerlichen Modell- oder Papiertheaters. Die kleinen Bühnen, aufdenen sich die technische Vielfalt einer Menschenbühne in modell-mäßiger Form nachahmen und erproben läßt, sind eine Art Wider-spiegelung der großen Theaterwelt in der privaten Sphäre des im 19.und frühen 20. Jahrhunderts zur vollen Geltung gelangten Bürger-tums und seines Bildungswesens.
Wenn in dieser Weise vom Wirken eines genius loci des Mu-seums in der Laudongasse die Rede sein kann, so ist weiters auchdaran zu denken, daß seit der Gründung des Museums vor 90 Jahrendas Sammeln und Erforschen der Überlieferungen spielhaftenBrauchs und des Volksschauspiels mit seinen Masken und Kostü-men, Textbüchern und Bildbezeugungen ein ständiges Anliegen war.Die bedeutende Kollektion alter geschnitzter Masken, Sonderausstel-lungen zu diesem Themenkreis und das einschlägige Handbuch vonLeopold Schmidt sind das Zeugnis dieser Bemühungen.")
PAPIERTHEATER 5