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1 (1985) Papiertheater : eine Sonderausstellung aus Wiener Sammlungen. [1] / Katalog
Entstehung
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Papiertheater

Die kleine Welt der großen Bühnen

Das Papiertheater ist eine Miniaturbühne für den Hausge-brauch. Es lehnt sich nicht nur in der Bühnentechnik und Ausstat-tung, sondern auch in seinem Repertoire an die großen BühnenEuropas zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Nach Walter Röhler( 1974), dem wahrscheinlich besten Kenner dieser Materie, ist es ei-ne bewußte Kopie des großen Theaters und läßt sich nur bedingt mitdem Puppentheater vergleichen, das in seinen verschiedensten Aus-drucksformen eigenständige Gesetze entwickelt hat, denen das Pa-piertheater nicht unterliegt.

Neben reiner Unterhaltung als Zimmer- oder Tischtheater fürKinder und Jugendliche war sein Bildungsaspekt nicht zu unter-schätzen, da es nicht nur eine Einführung in das zeitgenössischeTheater der damaligen Zeit lieferte, sondern auch auf eine spätereAuseinandersetzung mit dem Inhalt der dargebotenen Stücke vorbe-

reitete.

Die im deutschen Sprachraum heute übliche Bezeichnung, Pa-piertheater" weist auf das Grundmaterial hin, welches zum Bau einersolchen Bühne erforderlich war: Proszenien( Bühnenfronten), voll-ständige Dekorationen( Hintergründe, Kulissen und Versatzstücke)sowie Figuren, auf Papier gedruckt, lieferten den Bühnenbauern dieVoraussetzung zur Herstellung eines naturgetreuen Modells der da-mals auf den großen Theatern üblichen Kulissenbühne. Auf dünnemKarton oder Sperrholz aufgezogen, ließen sich die kleinen Flachfigu-ren auf mannigfache Art führen, wobei aus mitgelieferten, meist aufdie kindliche Mentalität abgestimmen Textbüchern in Kurzform dasjeweilige Stück präsentiert wurde. Später kamen noch Bauanleitun-gen und Regieanweisungen für problemlose Aufführungen hinzu,wobei auch nicht auf Vorschläge für Beleuchtungs- und Geräusch-effekte vergessen wurde. Eine gelungene Aufführung bedurfte daheroft großer Vorbereitungen, an denen sich vielfach die Erwachsenenbeteiligten.

Über die Frage, in welchem Land sich das Papiertheater in sei-ner charakteristischen Form zuerst entwickelte, sind die wenigenAutoren, welche sich mit dieser Materie bisher beschäftigt haben,nicht einig. Während Österreich mit dem Verlag Trentsensky u. a.von Hubert Kaut als Ursprungsland angesehen wird, glaubt GeorgeSpeaight, daß der Graphikhändler William West in London der Erfin-der des Papiertheaters war. Wenn auch hier die Meinung vertretenwird, daß wohl West die ersten richtigen Papiertheaterblätter heraus-

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