Die Musikleidenschaft der Wiener
Ob ein romantisches Volksmärchen, eine Burleske oder eine„ Comoedie" auf dem Spielplan stand, musikalische Einlagen oderCouplets waren für den Erfolg unbedingt erforderlich. Im Musikstückagiert der Schauspieler nicht mit seinem Kollegen, sondern wendetsich direkt an das Publikum. Wichtige Aussagen und Aufforderun-gen werden durch die musikalische Einlage verstärkt. Im alten Wienwurden die bekannten Melodien aus Raimund- und Nestroy- Stückengepfiffen und gesungen.
Die Musikleidenschaft und das Verständnis für Musik führteauch auf dem Gebiet der Oper in Wien zu großen Leistungen. Wie imSprechtheater gingen aber revolutionäre Inszenierungen und Urauf-führungen von Opern nicht im ehrwürdigen Haus am Kärntnertor( Hofoper) über die Bühne, sondern im Theater an der Wien oder imTheater in der Josefstadt. Ein künstlerisch befruchtender Konkur-renzkampf fand statt. Kaum war eine Oper erstaufgeführt, wurde sieschon an anderer Stelle in einer noch schöneren und aufwendige-ren ,, Decoration" angepriesen und in Szene gesetzt. WolfgangAmadeus Mozarts„ Zauberflöte" erlebte 1791 ihre erste Aufführungim Theater an der Wien. Dieses Werk wurde im Zusammenklang vonMusik und Wunderbarem, in Scherz und tiefer Symbolik zum vollen-detsten volkstümlichen Gesamtkunstwerk des Altwiener Theatersund brachte dem Theaterdirektor und Librettisten Emanuel Schika-neder volle Kassen. Der Spielplan des Theaters an der Wien war je-doch buntgemischt: neben Opern und Weltliteratur romantische Rit-ter- und Spektakelstücke.
Direktor Franz Pokorny, ein in Wien seit Jahren anerkannterTheaterfachmann, kaufte 1845 das zur Versteigerung ausgeschriebe-ne Theater an der Wien und legte sein Hauptaugenmerk auf die In-szenierung von Opern. Das Publikum war zu dieser Zeit, angeregtdurch den„ Opernkrieg" zwischen den Anhängern von Carl Mariav. Weber und Gioacchino Rossini, an Opernspektakeln sehr interes-siert. Die Zugkraft internationaler Sängerstars, wie zum Beispiel der,, schwedischen Nachtigall" Jenny Lind, und aufwendige Dekoratio-nen brachten volles Haus.
Sogar das kleine Theater in der Josefstadt bot unter dem Direk-tor Johann Stöger eine Reihe von Opernaufführungen, die sensatio-nell waren, zum Beispiel„ Zampa" von C. Hérold und„, Robert derTeufel“ von G. Meyerbeer und„ Zar und Zimmermann" von A. Lort-zing.
Eine andere musikalische Gattung begann im 19. Jahrhundertvon Wien aus ihren Siegeszug um die Welt: die Operette. Zum Teilübernahm sie eine der Aufgaben des Volkstheaters, problemlose Un-terhaltung zu bieten.
PAPIERTHEATER 15