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Bulgarische Volkskunst : Sonderausstellung ; aus der Sammlung des Ethnographischen Museums Plovdiv, Bulgarien ; Katalog
Entstehung
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Einleitung

Bulgarien, welches heute einen großen Teil der Osthälfte der Balkan-halbinsel einnimmt, weist bereits in der Zeit der thrakischen Bevölke-rung eine hochentwickelte Kultur auf. Hellenismus und römische Herr-schaft hinterließen ihre Spuren, bis die Slaven im Zuge ihrer Landnahmeim 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. die Reste der alten Bevölkerung auf-saugten. Das turktatarische Volk der Bulgaren zur Unterscheidungvon ihren Nachkommen in der Geschichtsschreibung als Urbulgarenoder Protobulgaren bezeichnet- drang im 7. Jahrhundert im heutigenOstbulgarien ein und gab dem von ihnen zusammen mit den bereits dortansässigen Slaven gegründeten Staatswesen auch den Namen ,, Bulga-rien".

Das Bulgarische Zarenreich hatte sich in den nächsten Jahrhunder-ten mit seinem mächtigen Nachbarn Byzanz auseinanderzusetzen, so-wohl militärisch als auch kulturell. Die wichtigsten Ereignisse sind dieAnnahme des Christentums durch das bulgarische Volk unter Boris I.und die Entwicklung eines eigenständigen Schrifttums in altkirchen-slavischer( altbulgarischer) Sprache. Schüler der von Byzanz ausge-sandten Slavenapostel Konstantin- Kyrill und Method hatten beim ZarenBoris I. Zuflucht gesucht und gefunden und schufen hier auf der Grund-lage des ersten slavischen Alphabets, der von Konstantin- Kyrill ge-schaffenen Glagolica, die bis heute gebrauchte sogenannte ,, Kyrilli-sche" Schrift und die erste slavische Literatur.

Die militärische Auseinandersetzung mit Byzanz war durch wechseln-de Erfolge beider Seiten gekennzeichnet und dauerte an, bis ein ge-meinsamer Feind aus Kleinasien in Europa eindrang und zunächst Bul-garien in eine Knechtschaft zwang, welche fünf Jahrhunderte andauernsollte. Die osmanischen Türken unterdrückten das bulgarische Volk inwirtschaftlicher und politischer Hinsicht völlig, und die eigenständi-ge Kultur war eines der wenigen Gebiete, auf dem sich die Bulgarendurch die Jahrhunderte ihre Eigenart bewahren konnten, bis es dann ge-gen Ende des 18. Jahrhunderts zur nationalen Wiedergeburt und im Jahr1878 zur Befreiung vom osmanischen Joch kam.

Auf Grund verschiedener Voraussetzungen natürlicher, wirtschaftli-cher und historischer Art ließen sich bis zum Beginn des 20. Jahrhun-derts verschiedene Gruppen von Bulgaren unterscheiden, welche je-weils ethnographische Besonderheiten aufwiesen: im Rhodopen-Gebirge die Rupci, längs der Donau die Poljanci, die Šopen in Westbul-garien, die Balkanci im Balkan- Gebirge und die Makedonci im Pirin-Gebiet. Im 17. und 18. Jahrhundert bildete sich im Marica- Becken dieGruppe der Trakijci heraus und im 18. und 19. Jahrhundert die der Do-brudžanci.

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