VIII.
Burgenländische Arbeitervolkskunde
Von Franz Probst.
,, Die Wissenschaft der Volkskunde hat sich überwiegend auf das Studiumder sogenannten Mutterschicht im Volk, des, vulgus in populo' beschränkt,sie geht fast ganz in der Behandlung eines überwiegenden Teiles dieserMutterschicht, des Bauerntums, auf, wurde also zur Bauernkunde", schreibtJohann Mokre in seiner„ Arbeiterkunde") und es ist eine unbestreitbareTatsache, daß die Erforschung der bäuerlichen Welt schon sehr weit vor-getrieben wurde, während die Welt des Arbeiters, des Proletariers, wie ihnWill- Erich Peuckert 2) oder des Handarbeiters, wie ihn Ernst Zunker ³)bezeichnet, noch auf weite Strecken Neuland der Volkskunde bedeutet.
Besonders für das Burgenland ist auf diesem Gebiete noch nichts getanworden. Und der oberflächliche Kenner des Landes wird auch sagen, daß diesin einem so typischen Agrarland, dem mit dem Fehlen der großen Städteund Industrien zugleich auch die wesentlichsten Voraussetzungen für dasWerden eines Arbeiterstandes fehlen, nur selbstverständlich ist, da ja jedeArbeit in dieser Richtung negativ sein würde.
Dies ist nicht richtig. Wenn auch dieses Referat keine Ergebnisse vor-legen kann, so will es doch zumindest einen Ausgangspunkt für die not-wendigen Arbeiten festlegen und so die Grundlagen für eine Arbeitervolks-kunde des Burgenlandes schaffen helfen.
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich in einer rein bäuerlichen Umwelt einStand herausgebildet, der zumindest als„ Vorform des arbeiterlichen Men-schen" bezeichnet werden muß. Wenn Schweickhardt 1837 in seiner„, Per-spectivkarte" berichtet: ,, Hornstein ist ein Markt von 190 Häusern und 1642Einwohnern, welche sich bei ihrer mittelmäßigen Grundbestiftung von Feld-und etwas Weinbau ernähren, davon jedoch ganze Familien und wohl bei600 Menschen ihr Brot in der Pottendorfer Spinnfabrik suchen und finden" 4),wenn Eduard Sueß in seinen Erinnerungen schreibt: Manches hat sich( inMarz) in den letzten Jahrzehnten geändert, weniger durch die versuchteMagyarisierung als durch die Eisenbahn, durch die allgemeine Wehrpflichtund durch die Anziehungskraft der großen Fabriken in dem benachbartenNiederösterreich. An jedem Montagmorgen führt jetzt die Bahn Hundertevon Arbeitern über die Grenze und Samstag Abend kehren sie zurück" 5),und wenn M. A. Becker in seiner Arbeit über die„ Heanzen" berichtet:,, Um Landsee sind die meisten Bewohner Maurer und wandern, sobald siedie Elemente des Geschäftes inne haben, in die Ferne, auf Erwerb aus. Aufden Baugerüsten in Pest und Wien findet man sie in Massen. Der Wintertrifft sie wieder in der Heimat, wo den Weibern Glossar ::: zum Glossareintrag Weibern und Bresthaften mittler-weile die Wirtschaft zugewiesen war.... In Unterrabnitz hausen die Zim-merleute. Was im Ort arbeitsfähig ist, behaut und fügt die Stämme zu Dach-
89