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Burgenländische Beiträge zur Volkskunde : die Vorträge der 6. Österreichischen Volkskundetagung in Eisenstadt 1951
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Der Stand der burgenländischen Volkskunde

Von Adalbert Riedl.

Vor kurzer Zeit sah meine Tochter zum erstenmal Innsbruck. Begeistertüber die Schönheit der Hauptstadt Tirols bemerkte sie: Es ist halt dochalles schöner, großartiger hier, als bei uns im Burgenland!" Ich konnte nichtumhin, aufklärend zu bemerken, daß Innsbruck und Tirol eine glorreichetausendjährige Vergangenheit haben, das Burgenland aber heuer seinendreißigjährigen Bestand feiert. Das Verhältnis ist also 970: 30 zugunstenTirols. Wenn dieser Vergleich auch ein wenig hinkt, so ist die geschichtlicheEntwicklung Tirols und der übrigen Bundesländer doch wesentlich günstigergewesen, als die unseres Burgenlandes.

Auch unser Land hat eine tausendjährige Vergangenheit, getränkt istder Boden vom Blute der verschiedensten Völkerschaften, die nach demWesten strebten, oder nach Osten zurückgedrängt wurden, fast alle Kultur-werke der damaligen Zeit zerstörend.

Unser Land hat auch mächtige Burgen. Ihre einstigen Besitzer, die Her-ren des Landes, waren fremder Nation. Nur in den vielen kleinen Dörfchenwohnten und wohnen die Ansiedler, deutschsprachige Bauern, Handwerkerund Geschäftsleute. Die Herrenschichte war die magyarische, ebenso dieSprache und Staatskultur. Unser Volk war das geduldete.

Als dann vor dreißig Jahren dieses namenlose Volk und Land einenNamen erhielt und zur Mutter Austria heimkehrte, war dieses jüngste Kindein armes, fast möchte ich sagen, ein ausgesetztes Kind, entblößt aller Habe.Uns die wir bei der Geburt dabei waren- war es klar: Wir werdenlange Zeit brauchen, um im Länderbunde Österreichs das nachzuholen, wasandere bereits vor uns seit langer Zeit hatten, daß wir viel Mut und Kraftwerden anwenden müssen, aber auch eine besondere Förderung durch unsereMutter und der anderen Geschwister brauchen, um vorwärts zu kommen.

Unsere Wirtschafts- und Kulturzentren im alten Vaterland: Preßburg,Wieselburg, Ödenburg, Güns, St. Gotthard, diese so altehrwürdigen Städtekehrten nicht mit uns heim. Dort verblieben auch unsere höheren Lehr-anstalten, Museen, gefüllt mit Kulturgütern unserer Heimat. Zurück bliebenauch viele Angehörige unserer Intelligenzschichte. Wir hatten keine Haupt-stadt, kein Innsbruck, kein Salzburg, dafür 320 meist kleine Dörfer miteinigen größeren Märkten. Zählt doch unsere heutige LandeshauptstadtEisenstadt kaum 5000 Einwohner. Wir hatten außer unserem nackten Lebenfast nichts, ja nicht einmal das Heimatbewußtsein war uns allen eigen.

Allmählich aber zeigten sich die bewährten Tugenden des Grenzervol-kes. Überall regte sich neues Leben und brachte Segen über dieses herrlicheLand, welches einen Haydn, einen Franz Liszt sein Kind nennen darf.

Straßen, Eisenbahnen, Schulen wurden gebaut, eine Landeshauptstadtgeschaffen, wissenschaftliche Institute, Museen, Bibliotheken. Archive ge-

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