VII.
Stadtvolkskunde der Gegenwart und ihre Anwendung
Von Hans Commenda.
Wer da in der Großstadt an der Straßenkreuzung Halt machen muß vordem roten Licht der Verkehrsampel und in der erzwungenen Untätigkeitseinen Blick schweifen läßt über die aufgestaute Woge der Kraftwagen, derkann ein Wunder sehen: Auf so vielen dieser höchst neuzeitlichen Verkehrs-mittel prangen höchst altzeitliche Talismane. Die Kühlerfigur zeigt einenLöwen, die Windschutzscheibe ist beklebt mit Reihen von Zetteln der Glock-nerstraße, das Schaltbrett trägt eine Christophorus- Plakette, der Kühlerweist ein Hufeisen auf und am Rückfenster baumelt ein Püppchen am Faden.Wer da im Großgasthof etwa die Zimmer mit den Nummern 13, 113, 213sucht, kann eine seltsame Entdeckung machen. Es gibt entweder Zimmersolcher Art überhaupt nicht; sie wurden durch die Bezeichnungen 12 a, 112 a,212 a sozusagen getarnt oder die 13er Zahlen bleiben Besenstuben, Vorrats-räume Wäschekammern und ähnlichen den Gästen nicht zugänglichen Räu-men vorbehalten. Selbst die Amtsbaracke, in welcher der Schreiber dieserZeilen Dienst macht, kennt keinen Raum Nr. 13. Diese ursprünglich vor-handene Zahl ward längst mit einem Papierstreifen überklebt, auf dem12 b steht.
Wer da im Großverkehr die aufopferungsvolle Tätigkeit eines Verkehrs-schutzmannes verfolgt, der mag allerlei seltsame Beobachtungen machen: DerSchutzmann bedient sich einmal der ältesten Sprachform: der Zeichensprache;er trägt Handschuhe, dieses uralte Sinnbild von Macht und Herrschaft; erverrät in Schnitt und Vorstoß seines Mantels österreichische, in Form undSturmband seiner Kappe reichsdeutsche Offiziersüberlieferung; und am Neu-jahrsmorgen da wird er von seinen dankbaren Kraftfahrern mit Geschenkenbedacht, wie das Kind in romanischen Ländern von den Eltern.
Wer aber einen Blick in die neueste Zeitung wagt, der wird darin aller-hand älteste Bekannte treffen wie Hundertjährigen Kalendermann, Horo-skopsteller, Handleser, Schriftdeuter, Kartenleger, Fakire, Okkultisten, Pend-ler und ähnliche Meister, die wenigstens ein Zipfelchen vom Vorhang zulüften versprechen, der uns den Blick in die Zukunft verwehrt. Und damitergeht es dem volkskundlich ein bißchen geschulten Beschauer auch in derzweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer noch so wie einst dem altenGoethe:
,, Was ich erblicke, seh ich wie im Weiten
Und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten!"
Die wissenschaftliche Erforschung des Volkstums wird schon seit einemJahrhundert mit dem Worte Volkskunde bezeichnet. Als Geisteswissenschaftspürt diese Fachforschung stets den seelischen Kräften nach, welche Werden,
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