V.
Volkskult und Wallfahrtswesen im nördlichen und mittleren Burgenland
Von Leopold Schmidt
Die Tagung hat Vertreter der Volkskunde aus ganz Österreich nachEisenstadt geführt, einen Ort, der selbst als weitbekannter Wallfahrtsortgelten kann, und die ersten Septembertage zeigten denn auch die Prozes-sionen der näheren und ferneren Dörfer, die zur Eisenstädter Madonna aufdem Kalvarienberg zogen, mit ihren Fahnen und Liedern, ein schönes Bildlebendigen Volksbrauches. Die Tagungsteilnehmer besuchten auf den Ex-kursionen jedoch auch zwei weitere große Wallfahrten des nördlichen Bur-genlandes, Loretto am Leithagebirge, und Frauenkirchen auf dem Heide-boden. Das schwere, herrschaftliche Barock dieser Gnadenstätten zeigte dabeieindrucksvoll Zeit und Welt der Entstehung und Blütezeit dieser Wallfahrts-orte, und die in Gebet und Lied versammelten Wallfahrerscharen bewiesenjedesmal wieder, wie lebendig gerade dieser Zug des burgenländischenVolkslebens auch in der Gegenwart ist ¹).
Gewiß, das burgenländische Wallfahrtswesen ist nicht von der farben-bunten Intensität des bayerischen, und seine Opfergaben und Kultbräuchehaben nicht die nachlebend- mittelalterlichen Formen, wie sie im nördlichenAlpenvorland zum Teil noch ungebrochen weiterleben. Es fehlt die betonteIndividualisierung, wie sie im reichen Votivbrauch anderswo Geltung besaß.Wie im ganzen Volksleben des Landes ist die dorfgemäße Vereinheitlichungmaßgebend, stehen die gemeinschaftlichen Wallfahrten im Vordergrund.Damit steht aber das Burgenland durchaus nicht allein, sondern der ganzeOsten Österreichs kennt und pflegt vor allem diese Formen, in besonderemAusmaß das östliche Niederösterreich, das sich gerade auf dem Wallfahrts-gebiet in einem dauernden Hinüber und Herüber mit dem Land über derLeitha verbunden zeigt 2). Diese Landschaften haben nach den Einbußen inReformation und Türkenzeit an der gleichen Barockisierung teilgehabt, siehaben ihre Abschwächung im Josephinismus miterlebt und die bescheidenenWeiterführungen des Kultes im 19. Jahrhundert durch die Intensität ihrerbäuerlichen Frömmigkeit verstärkt.
An eigenen Noten hat das Land seit dem 17. Jahrhundert die verstärkteBeziehung zu Ungarn und seiner stark sakralen Betontheit aufzuweisen. Sokaisertreu die Esterhazy die längste Zeit waren, sie waren es als ungarischeMagnaten, und die Betonung der heiligen Könige Ungarns war ihnen wich-tig 3). Die Plastiken an der Torfassade von Forchtenstein sprechen da einedeutliche Sprache, ebenso die Figuren des Hochaltares von Frauenkirchen.Aber das gehört auch zur Internationalität der Barockzeit innerhalb derMonarchia Habsburgica: nicht nur ungarische, sondern auch italienische Hei-lige fanden durch diese aristokratischen Förderer des Kultes Aufnahme indie Volksverehrung 4). Beredtestes Beispiel ist dafür die Verehrung der
45